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Erziehung zwischen Freiheit und Grenzen: Vielleicht erwarten wir von Eltern zu viel

Дата публикации: 08-08-2026 06:00:00

Nicht alle Familien in Syrien setzen automatisch besser Grenzen als die in Deutschland. Jede Familie ist anders. Aber es gibt einen großen Unterschied. mehr...

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Nicht alle Familien in Syrien setzen automatisch besser Grenzen als die in Deutschland. Jede Familie ist anders. Aber es gibt einen großen Unterschied.

Kinder balancieren während eines Pressetermins auf dem Spielplatz einer Kindertagesstätte auf einem Brett. Wo lernen Kinder eigentlich, dass sie nicht allein auf der Welt sind? In der Gemeinschaft

Foto: Sebastian Kahnert/dpa

S eit ich Vater geworden bin, entdecke ich meine Stadt völlig neu. Genauer gesagt: Ich entdecke sie durch die Augen meiner Tochter.

Gibt es Bordsteinkanten, die für Kinderwagen zum Hindernis werden? Wo gibt es Schatten, wo einen Spielplatz, wo eine Turnhalle? Mit diesem Blick begegnet man auch anderen Menschen. Vor allem anderen Eltern. Spielplätze und Turnhallen sind für mich deshalb nicht nur Orte, an denen Kinder spielen. Sie sind auch Orte, an denen sich beobachten lässt, wie wir unsere Kinder erziehen. Und manchmal lernen wir voneinander.

Natürlich sollte man dort vor allem auf das eigene Kind achten. Trotzdem beobachte ich auch die Erwachsenen, weil ich neugierig bin. Wie reagieren sie, wenn ihr Kind einem anderen das Spielzeug wegnimmt? Wenn es schubst? Wenn es die Schaukel besetzt hält, obwohl andere Kinder warten?

Nur ein kleiner Ausschnitt

Vielleicht täusche ich mich. Vielleicht sehe ich nur einen kleinen Ausschnitt. Aber manchmal habe ich den Eindruck, dass ein paar Eltern Schwierigkeiten haben, ihren Kindern Grenzen zu setzen. Sie greifen gar nicht ein.

Dabei frage ich mich oft, wo Kinder eigentlich lernen, dass sie nicht allein auf der Welt sind. Dass Freiheit dort endet, wo die Freiheit anderer beginnt. Dass Rücksicht und Geduld keine Strafen sind, sondern Voraussetzungen für ein gutes Zusammenleben.

Diese Gedanken führen mich in meine Kindheit in Syrien. Ich bin mit acht älteren Geschwistern aufgewachsen, ich war der Jüngste. Meine vier Onkel lebten mit ihren Familien in der Nachbarschaft. Dazu kamen Cousinen und Cousins, Nachbarn, Freunde meiner Eltern und Lehrerinnen, die meinen Vater oder meine Mutter kannten. Eigentlich kannte jeder jeden.

In Syrien sind nie nur die Eltern verantwortlich

Deshalb hatte ich nie das Gefühl, dass nur meine Eltern für meine Erziehung verantwortlich waren. Wenn ich außerhalb der Wohnung etwas tat, das nicht in Ordnung war, musste nicht erst meine Mutter oder mein Vater eingreifen. Auch ein Nachbar konnte sagen: „Das macht man nicht.“ Ein Onkel konnte mich zurechtweisen. Selbst ältere Menschen aus der Nachbarschaft fühlten sich verantwortlich. Damals erschien mir das selbstverständlich. Erst heute merke ich, wie besonders das eigentlich war.

Natürlich bedeutet das nicht, dass alle Familien in Syrien gleich erziehen oder automatisch besser Grenzen setzen. Genauso wenig gibt es so etwas wie „die deutsche Erziehung“. Jede Familie ist anders. Und trotzdem fällt mir ein Unterschied auf.

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Vielleicht lautet die eigentliche Frage: Wer erzieht unsere Kinder überhaupt noch?

In Deutschland wachsen viele Kinder in deutlich kleineren Familien auf. Die Verantwortung liegt fast ausschließlich bei den Eltern. Selbst Großeltern halten sich oft bewusst zurück oder werden gebeten, sich nicht einzumischen. Erziehung wird zu einer Aufgabe von zwei Menschen – und manchmal sogar von nur einem Elternteil.

Ich frage mich oft, ob wir Eltern damit nicht überfordern. Denn früher wurden Kinder nicht nur von ihren Eltern begleitet, sondern von einer Gemeinschaft. Interessant ist, dass ich auch die gegenteilige Kritik höre. Wenn ich mit meiner Tochter und den Kindern meiner syrischen Verwandten zusammen bin, sagen manche scherzhaft: „Den Deutschen liegt das Kontrollieren der Kinder im Blut.“ Sie erzählen, deutsche Eltern stellten Regeln auf und ihre Kinder gehorchten schnell. Arabische Kinder hingegen diskutierten länger – und irgendwann gäben die Eltern nach.

Zwischen diesen beiden Sichtweisen bewege ich mich. Ich möchte keine autoritäre Erziehung. Ich möchte aber auch keine Erziehung, in der Kinder nie lernen, dass es Grenzen gibt. Denn Grenzen bedeuten nicht automatisch Unfreiheit. Sie sind oft die Voraussetzung dafür, dass viele Menschen gemeinsam frei leben können. Vielleicht ist deshalb gar nicht die entscheidende Frage, ob deutsche oder syrische Eltern besser erziehen.

Vielleicht lautet die eigentliche Frage: Wer erzieht unsere Kinder überhaupt noch? Früher war die Antwort für mich einfach: Eltern, Verwandte, Nachbarn, Leh­re­r*in­nen – eine ganze Gemeinschaft. Heute scheinen wir diese Verantwortung immer stärker auf zwei Menschen zu übertragen. Vielleicht erwarten wir von Eltern inzwischen zu viel. Und vielleicht brauchen Kinder nicht nur mehr Freiheit, sondern auch wieder mehr Gemeinschaft.

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