Vor 9000 Fans feiern Electric Callboy ihre neue Platte. Ein Open Air mit Dino-Metal, eskalierenden Schweizern – und einer dunklen Hochzeit.
Ein leichtes Flimmern liegt über der Berliner Wuhlheide, ein sanftes Summen in der Luft. Keine Hitze, kein Klang, eher eine elektrische Spannung, eine Verheißung. Hier wird es heute laut, hier wird es hitzig, hier werden noch die Ohren klingeln. Denn zum Tanz in der Hauptstadt fordern hier Electric Callboy, die deutsche Metalcore-Formation aus dem beschaulichen Castrop-Rauxel – und im Gepäck haben sie ihre brandneue Platte: „Tanzneid“ erschien am Freitag.
Die Erwartungen waren hoch, die Ungewissheit ebenso. Welchen musikalischen Weg würde die Band einschlagen? Bleiben sich die Boys aus NRW treu, oder schlagen sie ein ganz neues Kapitel auf? Und kann das sonst eher für elektronische Musik begeisterte Berlin der Mischung aus schnellen Gitarrenriffs, überzogener Selbstironie und Tekkno-Beats standhalten?
So ganz sicher waren sich die Frontmänner Nico Sallach und Kevin Ratajczak nicht, ob die Parkbühne der geeignete Ort sein kann für die Release-Party einer der heißersehntesten Platten der Metal-Szene. Zu gewollt cool sei Berlin, klagten die beiden noch im Frühsommer im Interview mit der „Morgenpost“ und der „WAZ“, und das Escalation Fest gehöre doch eigentlich in den Ruhrpott. So hatte Berlin an diesem Tag auch eine Aufgabe – den Fremdelnden eine Brücke über die Spree zu bauen.
Bunte Dinos, Party-Piraten und finnische SchattenSchon das Rahmenprogramm macht klar, wo die Reise an diesem Tag hingeht: Hier steht der Spaß im Vordergrund, der Ernst hat Wochenende. Während auf der Spree vorab Morecore-DJs bei der Loveboat Cruise eingeheizt hatten – striktes Springverbot inklusive –, führen Evil Jared und Krogi als Moderatoren-Duo durch den Tag. Den musikalischen Auftakt geben Heavysaurus, die vielleicht einzige Dino-Metal-Band der Welt.

Kindgerecht und trotzdem hart: Heavy Saurus.© Privat | Philipp Luther
Zwischen bunten Kostümen und kindgerechten Riffs richtet der Frontmann Mr. Heavysaurus rührende Worte an die kleinsten Fans in den ersten Reihen, für die dies womöglich das allererste Konzert ihres Lebens ist. Ein Einstieg voller Herz, bevor The Hardkiss aus Kiew übernehmen. Die Ukrainer bemühen sich redlich, doch der Funke will in der Nachmittagssonne erst beim letzten Song so richtig überspringen.

Hatten zwischenzeitlich mit dem Mikro zu kämpfen: The Hardkiss aus Kiew.© Privat | Philipp Luther
Ganz anders das Bild bei Alestorm: Die schottischen Party-Piraten ziehen die Crowd schlagartig vor die Bühne. Gigantische Gummi-Enten schwimmen auf der Menge, die Stimmung steigt spürbar, erste zarte Moshpits bilden sich zu beschwingten Folk-Metal-Hymnen.

Auch nach 23 Jahren kann bei "In the Shadows" noch jeder mitsingen.© Privat | Philipp Luther
Anschließend liefern The Rasmus einen technisch wie stilistisch makellosen Sound ab. Doch trotz wachsender Kulisse – die Ränge füllen sich zusehends, vor allem in den schattigen Abschnitten – will der Funke zunächst nicht vollends zünden. Liegt es am Frontmann Lauri Ylönen, der zugeben musste, nur drei Stunden geschlafen zu haben? Die Antwort folgt prompt: Als der finnische Gassenhauer „In the Shadows“ ertönt, ist die Menge voll da, textsicher und begeistert.
Der Abriss aus der SchweizMit dem Auftritt von Paleface Swiss ist der gemütliche Teil des Tages endgültig Geschichte. „Ihr hattet jetzt genug Kuschelmucke!“, brüllt Frontmann Marc Zellweger ins inzwischen fast voll besetzte Rund. Die Schweizer schaffen, was zuvor niemand geschafft hat: Sie ziehen die Menschen aus den schattigen Rängen direkt vor die Bühne. „Ich brauch‘ euch heute hier!“ Die Ansage sitzt.

Heimlicher Höhepunkt des Abends: Paleface Swiss reißen die Parkbühne ab.© Privat | Philipp Luther
Die Menge lässt die Circle-Pits kreisen, der aufgestaute Frust auf eine Welt, die aus den Fugen geraten is, entlädt sich. Es gibt kein Halten mehr, die Parkbühne kippt, explodiert förmlich. Paleface bestellen Chaos, Berlin liefert bedingungslose Eskalation. Es ist eine Energie, die wie ein warmes Kribbeln durch die Körper fährt und die Kulisse verwandelt. Selbst Frontmann Zellweger zeigt sich überrascht: „Ihr zeigt euch von einer ganz anderen Seite.“ Die Schweizer haben die Wuhlheide auf Betriebstemperatur gebracht – die Parkbühne ist bereit für die letzte Stufe.
Und dann zünden Electric Callboy. Mit dem Titelsong ihres frisch erschienenen Albums „Tanzneid“ gibt es für die 9.000 in der Wuhlheide kein Halten mehr. Kein Mensch bleibt auf den Sitzen – vom ersten Riff weg bis zum letzten Akkord. Textsicher trägt Berlin die Boys durch die Setlist und bereitet ihnen einen triumphalen Empfang und eine würdige Ehrbietung.
Unheilige Hochzeit: Electric Callboy zünden die Release-PartyRuhrpott und Hauptstadt verschmelzen zur Einheit. Aus Techno, Metalcore und Schlager wird eine unheilige Hochzeit gefeiert. Hier kommt zusammen, was auf den ersten Blick unvereinbar wirkt, auf den zweiten aber schon immer nah beieinander lag. Kein Moment bringt das besser auf den Punkt als die Live-Uraufführung von „The Way You Are“. Der Track, erst kurz vor dem Release auf YouTube ausgekoppelt, erweist sich als geniale Mischung aus Boyband-Nostalgie und musikalischer Brechstange.

Eskalation vor der Parkbühne© Privat | Philipp Luther
Laser schießen durch die Rauchschwaden. Unten im Pit crowdsurft ein Fan im Jesus-Kostüm über die Köpfe hinweg, oben auf den Rängen fliegen bunte Dreadlocks zu stampfenden Riffs. Über den wogenden Circle Pits liegt die unverkennbare Symbiose aus finsteren Shouts und glasklaren Ohrwurm-Vocals. An diesem Abend bleibt kein Wunsch unerfüllt – weder bei den Fans noch bei der Band, die sichtlich genießt, die neuen Songs endlich live entfesseln zu dürfen.
Berlin hat geliefert. Den Fremden ist die Fremde zum Zuhause geworden.
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