Senta in Bayreuth und Carmen in Salzburg: Die Star-Sopranistin Asmik Grigorian über einen Tag Probe, Panikattacken und den Druck im Livestream.
„In meinen Zwanzigern habe ich noch viel verrücktere Dinge getan …“, sagt Asmik Grigorian amüsiert, „mein Körper erinnert sich wohl noch daran, dass so etwas möglich ist.“ Dieser Sopranistin glaubt man das sofort. Freitagnachmittag, Grigorian telefoniert im Auto und klingt fröhlich, nicht gestresst. Ein Fahrer bringt sie von den Bayreuther Festspielen zurück zu den Salzburger Festspielen: etwa 380 Kilometer, rund vier Stunden. Eine vermeintliche Opern-Diva als Pendlerin zwischen diesen zwei Festspielen – das ist ein Pensum, wie es in diesem Sommer sonst niemand im Terminkalender hat. Christian Thielemann dirigiert die Wiener Philharmoniker in Salzburg erst eine Woche nach seiner letzten Bayreuther „Götterdämmerung“.
An der Salzach liegen die ersten Abende als Carmen hinter der Litauerin. Umjubelt, für alle acht Vorstellungen angeblich siebenmal mehr Kartenanfragen als Plätze, Stadtgespräch in der Mozartstadt. Am Vorabend stand sie in Bayreuth als Senta auf dem Grünen Hügel, in einer ihrer zwei Vorstellungen des „Fliegenden Holländers“. Die Inszenierung stammt von Dmitry Tcherniakov, die Premiere dieser Produktion war 2021. Für ihren Wiedereinstieg hatte Grigorian genau einen Tag Probe. Ist das normal? „Nein“, sagt sie. Muss auch so gehen, danach klingt ihre Antwort. Ging es offenbar.
Den Regisseur kennt sie gut: In Tcherniakovs Hamburger „Salome“ sang sie 2023 die Titelrolle. Zum zweiten Mal in einer Produktion zu stehen, das macht für sie einen großen Unterschied. „Das erste Mal ist definitiv schwerer“, sagt Grigorian. „Der Körper kennt das Stück ja noch nicht, weiß noch nicht, wie er damit umgehen soll. Beim zweiten Mal erinnert sich der Körper sofort wieder, alles fällt mir viel leichter. Deshalb gebe ich einer Rolle auch gern eine zweite Chance, selbst wenn ich sie eigentlich nicht mag. Beim zweiten Anlauf fühlt es sich meistens ganz anders an, und ich bin viel zufriedener.“
Wie einst Maria CallasFliegender Wechsel also (wenn auch nur im Auto) – passend zum Holländer. Am nächsten Tag wird es noch einmal enger: Ihre vierte „Carmen“ im Großen Festspielhaus geht als Livestream hinaus in die Welt. Als ob es nicht schon genug Druck wäre, vor 2200 Menschen im Saal zu singen und zu bestehen. Zwei Dinge kamen hinzu, sagt sie. Erstens hatte sie wegen einer Erkrankung einige Wochen vor der Premiere weniger Vorbereitungszeit, als sie es sich gewünscht hätte. „Und zweitens wusste ich, dass alle gespannt darauf warten, wie das wird – warum singt eine Sopranistin eine Mezzo-Partie, was soll das?“ Die Antwort ist einfach: Weil es nun mal eine Parade-Rolle ist. Schon Maria Callas nahm die Partie auf, obwohl sie kein Mezzo war.

Jonathan Tetelman singt in der neuen Salzburger „Carmen“ den Don José, Asmik Grigorian die Carmen. © Bayreuther Festspiele | Thomas Aurin
Sich gar nicht erst auf den doppelten Kraftakt dieses Sommers einzulassen, das kam für Grigorian nicht infrage. Sie habe keine der beiden Produktionen absagen können: „Beide wurden ja extra für mich konzipiert, und ich bin sehr dankbar für diese Möglichkeit. Ich bin stolz und froh, dass ich es irgendwie geschafft habe.“
Perfektionismus und PanikattackenGrigorian hält viel aus. Manchmal zu viel. Einen Liederabend in München hatte sie Mitte Juli trotz jener Kehlkopfentzündung nicht abgesagt, sondern nur weniger gesungen. Gerade genug offenbar, um nicht noch mehr „Carmen“-Probenzeit zu versäumen. Das vergangene Jahr sei wirklich schwierig gewesen, der Burn-out sei in Sichtweite gerückt, erzählt sie. „Aber dann habe ich verstanden: Alles, was sich absagen ließ, habe ich gestrichen. Es gibt aber vieles, das ich einfach nicht absagen kann, wegen meiner Verantwortung. So viele Dinge wurden ja extra für mich geplant, oft Dinge, die ich mir selbst gewünscht habe. Also habe ich eine andere Entscheidung getroffen: Ich musste mit mir selbst und meinem Perfektionismus reden und mir vertrauen, dass es auch mit 95 statt 100 Prozent noch gute Qualität ist. So habe ich mir erlaubt, etwas entspannter zu sein. Gott sei Dank leide ich in den letzten Jahren nicht mehr so sehr unter Panikattacken, aber manchmal kommen sie noch vor. Die letzte hatte ich vor einigen Monaten, bei einem Konzert, ganz aus dem Nichts.“ Sie ist eine Sängerin, die den Betrieb bis an ihre Grenze bedient und ihn gleichzeitig durchschaut.
Drei der acht „Carmen“-Vorstellungen sind jetzt geschafft. War schon ein Abend dabei, an dem sie mit sich als Carmen vollkommen zufrieden war? „Den hatte ich, glaube ich, noch nicht. Meine beste Carmen kommt erst in drei Jahren.“

Zwischen ihren Salzburger „Carmen“-Abenden singt Asmik Grigorian in Bayreuth die Senta im „Fliegenden Holländer“.© Bayreuther Festspiele | Enrico Nawrath
Wann hat sie zuletzt nur des Geldes wegen gesungen? Geld allein sei keine Kategorie, in der sie denke. „Es müssen für mich immer mindestens zwei Dinge zusammenkommen: ein schöner Ort, ein gutes Team oder wirklich gutes Geld – aber Geld allein reicht nie. Es braucht mindestens zwei dieser Faktoren.“ Genauso wenig ist Langeweile für sie ein Thema – oder, schlimmer noch, Routine. „Wenn mir etwas langweilig erscheint, mache ich es einfach nicht.“
Keine KompromisseWie viel von der echten Asmik Grigorian steckt in dieser Carmen, von der Frau, die keine Kompromisse machen will? Darauf hat die Sängerin sofort eine Antwort, die zu ihr passt: „Es gab noch nie eine Rolle, in der Asmik nicht mit auf der Bühne stand. Klar, wenn ich mit einem Regisseur arbeite, tritt diese Asmik vielleicht etwas in den Hintergrund, aber sie ist immer da. Bei Carmen ganz besonders. So erschaffe ich einfach meine Rollen. Ich kann nicht außen vor bleiben, sonst hätte ich das Gefühl zu lügen.“
Am 26. August fällt in Salzburg der Vorhang nach der letzten „Carmen“, Feierabend und Freizeit bedeutet das allerdings nicht. „Ich muss bis Oktober durchhalten, weil eine neue Produktion von ,Blaubarts Burg‘ ansteht. Die habe ich seit zwölf, dreizehn Jahren nicht mehr gesungen, und es ist auf Ungarisch – also wird es wieder viel Energie kosten, das auswendig zu lernen und zu erarbeiten.“ Wenig überraschend, dass sie sich schon jetzt auf eine Pause vom Lernen neuer Rollen freut. Am Horizont wartet Aida, doch das ist noch über ein Jahr entfernt. Ganz ohne Druck kann sie aber auch nicht sein. „Sobald mir langweilig wird, fange ich einfach wieder an zu rennen.“
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