Sprinter Owen Ansah gewinnt bei der Leichtathletik-EM eine historische Bronzemedaille. Die drohende Sperre nach einem verpassten Dopingtest ignoriert er.
Die Frage war nicht ganz zu Ende gestellt, da schüttelte Owen Ansah schon heftig den Kopf. Als wolle er die Worte verscheuchen, sie seinen Gedanken erst gar nicht zu nahekommen lassen. Nein, es gäbe keine Stimme in seinem Kopf. Eine, die ihm sage, diese Medaille, die er gerade bei den Leichtathletik-Europameisterschaften in Birmingham über die 100 Meter gewonnen hatte und die nun so schön bronzeschimmernd um seinen Hals baumelte, wieder abgeben zu müssen. „Ich habe keine Angst“, sagte er. „Ich bin jetzt Bronzemedaillist. So fahre ich nach Hause. So lasse ich mich auch von meinen Freunden und meiner Familie feiern.“

Doch so richtig gelöst jubelte er nicht. Als sein Name in den letzten Stunden des Dienstags nach einem packenden Endspurt hinter der kleinen Drei auf der Leinwand im Alexander Stadium erschien, hatte er noch die Hände in die Hüften gestemmt. Ansah ging auf der blauen Tartanbahn auf und ab. Dann huschte ein Lächeln über sein Gesicht. Er schnappte sich eine Deutschlandfahne, winkte kurz in Richtung der Fans. Doch auf eine Ehrenrunde verzichtete er. Sieht so der Gefühlsausbruch nach dem größten Triumph der Karriere aus? Wohl kaum. Denn der Erfolg von Owen Ansah ist eine Einerseits-Andererseits-Geschichte, eine mit Beigeschmack, die Medaille ist eine unter Vorbehalt.
Ansah holt erste deutsche EM-Medaille seit 40 JahrenEinerseits hat Owen Ansah Historisches geschafft. Eine deutsche 100-Meter-Medaille bei einer EM hatte es seit einer Ewigkeit nicht mehr gegeben, genauer: seit 40 Jahren. DDR-Sprinter Steffen Bringmann hatte 1986 in Stuttgart Silber gewonnen. Ansah, der den deutschen Rekord von 9,98 Sekunden hält, durchbrach nun den Bann. Ein Schlussspurt, eine Zeit von 10,19 Sekunden – und der Hamburger musste sich nur dem neuen Europameister Romell Glave (10,09) und dessen britischem Landsmann Jeremiah Azu (10,16) geschlagen geben. „Ich habe gesagt, dass ich versuchen möchte, Deutschland wieder auf die Landkarte zu bringen“, sagte er. „Mit der Bronzemedaille ist es ein ordentlicher Step nach vorn.“

Im engen Zieleinlauf schnappt sich Ansah (3. v. r.) die Medaille. © Getty | Finney
Es ist ein riesiger Erfolg und das Ergebnis von jahrelanger Arbeit. Ansah trainiert in Mannheim bei Sebastian Bayer – dort wurde er immer besser. In ihm wuchs der Glaube, Großes erreichen zu können. In seiner Wohnung, verriet er nach seinem Rennen, hatte er überall kleine Botschaften verteilt: „Europameister 100 Meter.“ „Glaub an dich.“ „Zieh durch.“ „Vertrau auf deine Stärken.“
Doch da ist auch dieses Andererseits, das Damoklesschwert, das über Owen Ansah schwebt. Die Nationale Anti-Doping-Agentur (Nada) wirft ihm vor, im Juli einen Dopingtest verweigert zu haben, und fordert eine Sperre von bis zu vier Jahren. Ansah weist die Vorwürfe zurück und will gegen die drohende Sperre vorgehen. Da bislang keine vorläufige Suspendierung ausgesprochen wurde, ist Ansah in Birmingham startberechtigt. Auch über die 200 Meter geht er an den Start.
Traum von Olympia 2028 ist in Gefahr
Romell Glave (Mitte) feiert seinen EM-Titel, rechts kommt Owen Ansah als Dritter ins Ziel. © Witters | Boue
Nur in der Staffel wird er nicht antreten. Denn eine mögliche Sperre hätte nicht nur Konsequenzen für die Zukunft, sondern auch auf alles, was seit dem 9. Juli geschehen ist. Alle Titel und Medaillen, die er seitdem und bis zum Inkrafttreten der Sperre gewonnen hat, würden aberkannt: seine zwei deutschen Meister-Titel sowie die EM-Medaille(n). Ihn aus der Staffel herauszuhalten, schützt damit auch seine Kollegen, sollten sie erfolgreich sein.
Für Owen Ansah steht nicht weniger als seine Karriere auf dem Spiel. Er befindet sich in der Form seines Lebens, in zwei Jahren sind Olympische Spiele in Los Angeles. Ansah ist dann mit 27 Jahren im besten Sprinteralter. Alles richtet er auf dieses Ziel aus. Doch käme die Sperre wie angekündigt, wäre dieser Traum geplatzt. Ansah steht im Moment seines größten Triumphes gleichzeitig vor den Trümmern seiner sportlichen Laufbahn.

Umso bemerkenswerter ist es, wie gut er all das wegschiebt, wenn er die Bahn betritt. Wie er sich anschließend nicht versteckt, sondern sich den Fragen stellt. An so viel Ungewissheit, so viel Sorge würden viele zerbrechen. Doch bei Ansah ist das Gegenteil der Fall, er wird immer besser. Er ist Europameister im Ausblenden. Woher nimmt er diese Teflon-Superkraft? „Ich vertraue auf mein Team, das hinter mir steht. Die stärken mir den Rücken, verleihen mir irgendwie Flügel. Ich kann das andere nicht beeinflussen. Ich kann nur beeinflussen, wie schnell ich auf der Bahn bin. Und das habe ich gezeigt.“
Ansah erfährt viel Verständnis. „Ich bekomme unfassbar viel Zuspruch, auch aus Deutschland. Viele Leute können das irgendwie verstehen, was gerade so abgeht.“ Auch im Stadion gab es keine Pfiffe, nur Applaus, kein böses Blut unter den Kollegen. Die Medaille, sagt Ansah, habe er auch für seine Unterstützer gewonnen.
Fall Ansah: viel Unterstützung, wenig HoffnungTatsächlich wurde zuletzt viel über Recht und Gerechtigkeit diskutiert. Denn seine Erklärung, warum er in dem Moment, als der Kontrolleur für eine unangekündigte Probe klingelte, keine abgeben konnte, ist menschlich nachvollziehbar: Er war in Eile, auf dem Sprung zu seinem ersten Rennen der hochklassigen Diamond-League-Serie. Er entschied sich, zu fahren. Von der Nada wird das als Verweigerung ausgelegt. Sein Anwalt sieht das anders. Angeblich sei Ansah nicht über die Konsequenzen aufgeklärt worden. Es steht Aussage gegen Aussage. Der Fall geht vor das Deutsche Sportschiedsgericht (DIS).

Doch die Regeln im Nada-Code, dem sich auch der Deutsche Leichtathletik-Verband verschrieben hat, sind klar. Sie sind hart, weil sie saubere Athleten schützen und Betrüger überführen sollen. Ansahs Pflicht ist es, die Regeln zu kennen und sich auch in einem emotionalen Ausnahmezustand an sie zu halten, nicht auf das Beste zu hoffen. Das wiederum macht Experten wenig optimistisch, dass der Fall Ansah gut für den Athleten ausgeht.
Doch diese Gedanken schiebt der Meister der Verdrängung weit weg. „Mein Fokus liegt auf den 200 Metern am Donnerstag“, sagt er. Er traut sich eine weitere Medaille zu. Dass er auch sie verlieren könnte? Schüttelt Owen Ansah einfach weg.
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