Die Reit-WM in Aachen geht für die deutsche Mannschaft gut los: Die Dressur-Equipe holt Gold in der Soers. Für Isabell Werth ist es der zehnte Titel.
Der Goldmoment? Ist vielleicht gar nicht mal der von Isabell Werth. Aber sei’s drum, jetzt natürlich: Ehre, wem Ehre gebührt. Und so steht Katharina Hemmer, um sich herum auch Frederic Wandres, Raphael Netz und dazu die Bundestrainerin Monica Theodorescu, in einer Ecke des reiterlichen Hauptstadions der Aachener Soers. Um selbstverständlich die Grand Dame der Dressurreiterei bei ihren letzten Lektionen mit Wendy de Fontaine zu bewundern. Ein Abklopfen, mehr erleichtert. Dann doch Umarmungen, überglücklich erst auf dem Abreiteplatz. Weltmeister, das muss man erst einmal verkraften.
Es wäre falsch zu behaupten: Isabell Werth musste das Gold mit ihrem Dänischen Warmblut ja nur noch nach Hause reiten. In dem 40.000 Zuschauer fassenden Hauptstadion der Aachener Soers, in dem an diesem Mittwoch viel zu viele Sitzschalen frei bleiben. Das Sportbeobachter für gewöhnlich trotzdem sogleich in einen Dreiklang mit Wembley und Wimbledon setzen würden – begänne der Name des bedeutendsten Standorts für den Reitsport doch nur mit einem W.
Bisschen Risiko, bisschen Zittern
Vier Prozentpunkte Vorsprung als Ausgangslage für Werth, bevor sie zum zehnten Mal Titelträgerin wird. Englands Topreiterin Charlotte Fry, die Doppel-Weltmeisterin von Herning 2022, machte Druck: 80,311 Prozentpunkte. Aber nicht genug für Werth: Einmal ein kleines Raunen beim Rückwärtsrichten, ja. Dann Stolperer beim fliegenden Wechsel. Sie wird doch nicht? Kontrolliertes Risiko, daher: Nein. 79,876 ihre Ausbeute, die für Deutschland insgesamt 235,063. Das reicht zum Sieg vor Großbritannien (231,445) und Titelverteidiger Dänemark (229,429) mit der Wertungsbesten Cathrine Laudrup-Dufour (82,376). „Das war super“, so Werth, „eine Super-Mannschaftsleistung von uns.“

Die Gold-Festmacherin: Isabell Werth auf Wendy de Fontaine.© dpa | Anspach
Werth und Wendy: Die Reiterin kann sich auf ihr Pferd verlassen wie einst Günter Netzer auf Hacki Wimmer, wie Michael Jordan auf Scottie Pippen, wie Jo Deckarm auf Heiner Brand. Vielleicht muss man, als der Titel im Sack ist, auch sagen: Isabell Werth auf Katharina Hemmer. Deren Ausruf „Geiler Scheiß“ geziemt sich der feinen Hufwelt nicht wirklich, aber wer will es der 32-Jährigen verdenken? 79,224 Prozentpunkte, so viele wie nie zuvor und fast so viele wie Werth, für die Ostwestfälin aus Erwitte und ihren Fuchshengst. Fehlerfrei war der Ritt; und wenn Denoix mal ein Ohr zur Seite richtete, „habe ich ihn angesprochen, mit meiner Stimme bei ihm angeklopft“, erzählt seine Reiterin. „Dann war er wieder bei mir und hat alles für mich gegeben. Es war eine Freude.“
Eine persönliche Bestleistung bei der ersten WM-Teilnahme abzurufen, habe sich super angefühlt, sagt Katharina Hemmer. Denoix mag zwar noch keine Küren wie die am Samstag, einen Tag nach dem Grand Prix Spécial. „Aber in klassischen Prüfungen fühlt er sich wohl.“ Das ist das Resultat eines kontinuierlichen Zusammenwachsens von Pferd und Reiterin. Monica Theodorescu sei es wie bei der EM im vergangenen Sommer gegangen, als Hemmer mit Werth und Wandres Equipe-Gold gewann. „Dass sie das Pferd jetzt noch mal so zum Strahlen bringt, noch mal auf einem anderen Niveau als vor einem Jahr“, sagt die Bundestrainerin und kann ihre Begeisterung kaum in Worte fassen.

EM- und WM-Titel – Katharina Hemmer tritt endgültig heraus aus der Reserve. Im wahrsten Sinne, denn die olympischen Reiterspiele von Versailles erlebte sie zwar vor Ort, um die Abläufe und Gewohnheiten zu lernen. Nur blieb sie ohne Einsatz. Die Ansprüche und Anforderungen haben sich seitdem geändert. Die ausgebildete Bereiterin, die unweit von Paderborn auf dem Fleyenhof von Team-Olympiasieger Hubertus Schmidt arbeitet, der ihr Denoix ausgebildet Ende 2022 überließ, betüddelt ihre Tiere im besten Sinn. „Sie kennt ihn in- und auswendig“, sagt Theodorescu. Als Denoix verletzt war und therapiert werden musste, „hat Katha – unter Anleitung – alles selbst gemacht. Sie bleibt ruhig und zieht auch ihr Ding durch, wenn in der Woche vor dem Championat nicht alles perfekt läuft.“

Weltmeister 2026: (von links) Isabell Werth, Frederic Wandres, Raphael Netz, Katharina Hemmer und Klaus Roeser von der Reiterlichen Vereinigung.© dpa | Vennenbernd
Frederic Wandres ist es beinahe gewohnt, den drittbesten Beitrag hinter zwei Frauen zu einem mannschaftlichen Erfolg beizutragen. In Paris vor zwei Jahren, bei den Olympischen Spielen, assistierte der 39-Jährige Jessica von Bredow-Werndl und Isabell Werth zum Gold. Im vergangenen Sommer komplettierte er die hervorragenden Ritte von Werth und ebenjener Katharina Hemmer, um Europameister mit der Equipe zu werden. „Mir ist ein riesiger Stein vom Herzen gefallen“, sagte Wandres nach seinen 75,963 Prozentpunkten mit Bluetooth am Eröffnungstag. „Man glaubt das gar nicht, wie viel Anspannung dahintersteckt, ich war fast am Zittern. Denn man weiß: Es geht um was, und man möchte nicht der Buhmann sein.“
Nächste Prüfung LA2028Als solcher musste sich niemand fühlen. Auch nicht Raphael Netz. Der 27 Jahre alte Bayer, eines der größten Dressur-Talente in Deutschland, hatte vor Wandres‘ Ausrufezeichen gemeinsam mit seinem Wallach Camelot mit einer Wertung von 73,338 Prozentpunkten seinen Job erfüllt. „Wir führen unsere Gruppe an, das ist genau unsere Mission gewesen“, sagte der WM-Debütant.
Die Pflicht des Vortages war damit erledigt, die Kür erledigten Isabell Werth und Wendy. Moment: Und Katharina Hemmer mit Denoix. 14 Jahre alt ist der Oldenburger und hat noch einiges in den Beinen. „Wir müssen sie in Katha Hammer umtaufen“, richtet Bundestrainerin Monica Theodorescu Worte des Danks an WM-Debütantin. Deren Rechnung „ist total gut aufgegangen“. Die nächste könnte 2028 gestellt werden: im Santa Anita Park östlich von Los Angeles, dem Ort der nächsten Olympischen Spiele. Von Reserve kann dann keine Rede mehr sein bei Katharina Hemmer.
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