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Ukraine wird zum Stresstest für russische Kriegsmaschine

Дата публикации: 08-08-2026 13:49:17

"Wir sprechen zu wenig über Gleitbomben", sagt General Bühler. Während die Ukraine den russischen Angreifer im Rücken seiner stagnierten Front attackiert, entwickeln dessen Luftangriffe neue Brutalität.

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Rettungskräfte leisten nach einem Angriff auf Wohngebäude Hilfe.

AUDIO: #357 Verletzter NATO-Luftraum: Zufall oder Provokation? (54 Min)

Was tun, Herr General? Das Briefing.

Stand: 08.08.2026 15:49 Uhr

Die Front ist stabil – doch im Rücken der russischen Streitkräfte greift die Ukraine mit zunehmendem Erfolg strategische bedeutsame Bestandteile der russischen Kriegslogistik an. Gleichzeitig greift Russland frontnahe Städte mit einer Brutalität aus der Luft an, die nach Einschätzung von General a.D. Erhard Bühler jeder politischen und militärischen Logik entbehrt. Was tun, Herr General? Das Briefing.

von MDR AKTUELL

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Stillstand an der Front, Verwüstung aus der Luft

General Bühler zufolge ist die Front insgesamt stabil. Die taktischen Angriffe der Russen und die Gegenangriffe der Ukrainer hielten an – allerdings auf beiden Seiten ohne nennenswerte Erfolge.

Das politische Ziel Russlands ist nach wie vor die Eroberung der gesamten Provinz Donezk – dieses Ziel hat Putin jetzt erneut auf Ende des Jahres festgelegt. Davon ist man Bühler zufolge aber noch weit entfernt. Allein in der Provinz Donezk fehlten noch 5.000 bis 6.000 Quadratkilometer. Zwar stünden die Russen aktuell 15 Kilometer vor Kramatorsk, allerdings waren es vor 2023 30 Kilometer. 15 Kilometer in drei Jahren kann man als langsam bezeichnen.

Gleichzeitig haben die Ukrainer laut Bühler noch kein wirksames Mittel gegen die Infiltrationstaktik der Russen gefunden. Aktuell stellen sie schnelle Eingreiftruppen auf, die verhindern sollen, dass russische Soldaten die in Städte geschickt werden, um sie schrittweise unter Kontrolle zu bringen, dort nachhaltig Fuß fassen können.

Video: Zahlreiche Verletzte und Tote durch russischen Angriff auf ukrainische Hauptstadt (8 Min)

Die Situation ist in der Sache also statisch – doch der General macht auf eine brutale Zerstörungstaktik der Russen entlang der Front aufmerksam. Bis zu 1.000 Gleitbomben würden wöchentlich von Flugzeugen über frontnahen Städten wie Sumy und Charkiw abgeworfen, wo sie dann "alles platt machen" – Zitat Bühler. Diese Gleitbomben, die bis zu 1,5 Tonnen Sprengstoff tragen können, zerstörten die vorhandene Infrastruktur in den von den Russen beanspruchten Gebieten.

Man kann nur den Kopf schütteln, mit welcher Brutalität die Russen auf die Städte losgehen, um die Soldaten zu treffen, die dort sind. General a.D. Erhard Bühler

Bühler zufolge macht das aus militärischer und politischer Sicht keinen Sinn, wiederholt aber ein Muster, das sich auch schon beim Vorgehen der Russen in anderen Kriegen gezeigt habe – etwa in Syrien, wo sie ganze Städte dem Erdboden gleich gemacht hätten.

Der frühere NATO-General Erhard Bühler vor dem Reichstag

Experte

Erhard Bühler

General a.D. der Bundeswehr und Ex-Nato-General

Russlands Vorräte sind nicht unerschöpflich – auch mit Blick auf ballistische Raketen

Russland verzeichnet enorme personelle Verluste an der Front. Allein im Juli sind rund 45.000 russische Soldaten getötet oder verletzt worden. Diese Zahl dürfte die russische Führung nach Bühlers Einschätzung wenig beeindrucken – die Zahl ist dennoch brisant. Denn den ausgefallenen Soldaten stünden nur 30.000 Neuverpflichtungen gegenüber, sagt Bühler. Diese Lücke könnte vorläufig von Nordkorea gefüllt werden. Nach Informationen des ukrainischen Geheimdienstes werden 30.000 Nordkoreaner für den Einsatz vorbereitet. Sie sollen in der Region Woronesch zusammengezogen werden.

Das Russland mit seinem Material haushalten muss, zeigt sich nicht nur mit Blick auf seine Soldaten, sondern auch beim Einsatz ballistischer Raketen. Bühler sagt klar, die Russen hätten den Einsatz von Flugkörpern insgesamt nicht so erhöht, wie sie es wohl vor hatten. Er stellt sich klar dagegen, die hohe Anzahl ballistischer Raketen, die in den vergangenen Tagen auf die Ukraine abgefeuert wurden, überzubewerten – die Spitzenwerte der vergangenen Tage seien weit entfernt von Spitzenwerten im Jahr 2025.

Das hat Bühler zufolge verschiedene Gründe:

  • Probleme bei der Logistik
  • Ausfall von Abschussplätzen
  • Aufsparen von Flugkörpern für künftige Einsätze

Das Aufsparen von Flugkörpern hat bei einem bestimmten Raketentyp besondere Relevanz: der ballistischen Rakete Iskander-M. Denn Bühler ist sich durch Informationen einer vertrauenswürdigen Quelle sicher, dass die Russen nur 60 bis 100 der Iskander im Jahr herstellen können. Das liege am sehr komplexen Herstellungsprozess, der viele Teile benötigt, die Russland durch Sanktionen nicht zur Verfügung stehen bzw. nur über den Schwarzmarkt beschafft werden können.

Archivbild einer Iskander-M Rakete

Die Vorräte sind endlich und müssen auch für die Zeit nach dem aktiven Krieg in der Ukraine vorgehalten werden, weil sie ein sehr wichtiger, wenn nicht sogar entscheidender, operativer Fähigkeitsbaustein für den Einsatz der Landstreitkräfte der Russen darstellen. General a.D. Erhard Bühler

Auffällig ist auch, dass Russland seit kurzem wieder die notorisch ungenauen nordkoreanischen ballistischen Raketen vom Typ KN-23 einsetzt. Für Bühler ein Indikator, dass Russlands ballistische Raketen insgesamt knapp sind. Am Freitag gab es die ersten Meldungen, dass aus Nordkorea auch Abschussbasen für die ihre Kurzstreckenraketen geliefert werden sollen.

Russland erkauft also minimale operative Fortschritte mit enormen materiellen und personellen Kosten. Das spricht weniger für ein erfolgreiches Vorgehen als für die anhaltende Fähigkeit des Kremls, Verluste politisch abzufedern.

Angriffe auf Versorgungslinien: Ukraine setzt noch einen drauf

Die Ukraine greift weiterhin strategische Ziele hinter der Front an – mit zunehmendem Erfolg. Durch die Reduzierung der russischen Luftverteidigung können die Ukrainer Bühler zufolge mehr oder weniger ungehindert im Rücken der russischen Fronttruppenteile operieren.

Rauch steigt auf aus einer Öl-Raffinerie in Moskau.

Was bisher geschah: Durch Angriffe auf die 20 größten russischen Raffinerien haben diese der Financial Times zufolge 45 Prozent ihrer Kapazität eingebüßt. Die Konsequenz sind Treibstoffprobleme für Zivilbevölkerung und Armee.

50 Prozent der Gesamtflächen von Wildberries in Russland wurden durch Luftangriffe zerstört: Ein Schaden, der in ganz Russland und weltweit sichtbar ist. Der Angriff auf das Drohnenausbildungszentrum an der Universität in Belgorod strahlt Bühler zufolge auf die gesamte Front aus, weil dort die Leute ausgebildet und die Drohnen weiterentwickelt werden.

Rauchwolken über dem Logistikzentrum des russischen Versandhändlers Wildberries.

Durch die seit 2024 vorhandenen Mittelstreckenkapazitäten können die Ukrainer zudem wichtige Versorgungswege angreifen.

Sehr systematisch wird versucht, die Russen von ihrer Versorgung abzuschneiden, durch Angriffe auf Transportfahrzeuge, auf ganze Konvois, auf den Versorgungsstraßen. General a.D. Erhard Bühler

Bühler zufolge hat dieses Vorgehen im Wesentlichen zwei Wirkungen: An der Front gibt es Versorgungsschwierigkeiten, besonders bei den Truppenteilen in der Südukraine. Und immer mehr russische Soldaten müssen zum Schutz der Versorgungswege eingesetzt werden und fehlen damit den Fronttruppenteilen.

Während also Russland an der Front mit brachialer Gewalt vorgeht, verlagert die Ukraine ihr Vorgehen weiter in die Tiefe – nun bleibt abzuwarten, ob sie die Erfolge der letzten Wochen lang genug fortsetzen kann, um Auswirkungen auf den Kriegsverlauf zu haben.

Was tun, Herr General? Das Briefing.

Das Briefing entsteht aus dem MDR-AKTUELL-Podcast "Was tun, Herr General?". Im Podcast analysiert Tim Deisinger mit General a.D. Erhard Bühler die militärische Lage in der Ukraine und die Auswirkungen des Krieges auf Europa und die internationale Sicherheitspolitik.

Kontakt

Sie möchten eine Frage in den Podcast einbringen oder haben Feedback? Schreiben Sie der Redaktion an general@mdraktuell.de oder rufen Sie kostenfrei an unter 0800 637 37 37.

MDR (ewi)

Rettungskräfte beseitigen Trümmer und suchen nach Menschen in einem Wohnblock, der von einer Rakete getroffen wurde.

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