Kein Display, kein Gehetze durch Benachrichtigungen: Das Google Fitbit Air setzt voll auf Screen-Detox und passives Tracking. Ob das fliegengewichtige Armband im Alltag überzeugt und für wen sich der Whoop-Konkurrent lohnt, zeigt unser Test.
Düsseldorf · Kein Display, kein Gehetze durch Benachrichtigungen: Das Google Fitbit Air setzt voll auf Screen-Detox und passives Tracking. Ob das fliegengewichtige Armband im Alltag überzeugt und für wen sich der Whoop-Konkurrent lohnt, zeigt unser Test.
Mit dem Fitbit Air hat Google einen radikalen Kurswechsel vollzogen. Statt einer klassischen Smartwatch oder eines typischen Fitness-Armbands liefert Google ein extrem leichtes, komplett bildschirmloses Wearable. Das Konzept erinnert stark an den beliebten Whoop-Tracker: Keine ablenkenden Benachrichtigungen, kein Display-Flackern, sondern reines, passives Datensammeln im Hintergrund. Wie schlägt sich der 100-Euro-Tracker im Alltag?
Design und Tragekomfort: Schlichter Begleiter
Optisch ist das neue Wearable an Schlichtheit kaum zu überbieten. Das schmale Gehäuse kommt mit einem dezenten Buchstaben „G“ als Markenlogo aus und wirkt eher wie ein dezentes Mode-Accessoire. Die Technik selbst bringt gerade einmal fünf Gramm auf die Waage. Mit den verschiedenen Stoff- und Silikonarmbändern, die sich über einen simplen Klettverschluss stufenlos anpassen lassen, sitzt das Gerät auch an schmalen Handgelenken sicher.
Dank des geringen Gewichts spürt man das wasserdichte Band weder bei intensiven Workouts im Gym noch bei der Schlafüberwachung im Bett. Tatsächlich hat man es nach wenigen Minuten bereits komplett vergessen.
Die Sensoreinheit lässt sich mit etwas Druck leicht aus der Fassung lösen, um die Bänder zu wechseln – darunter auch eine spezielle, wasserabweisende Sonderedition in Kooperation mit Basketballstar Stephen Curry. Ein kleiner Wermutstropfen: Das Kunststoffgehäuse zerkratzt relativ leicht, wird aber glücklicherweise durch das leicht überstehende Stoffband geschützt.
Attraktiv für den Tester: Nach Jahren der Smartwatch-Tragerei kann nun der dezente Tracker am rechten und endlich mal wieder eine normale Uhr am linken Handgelenk getragen werden.
Exakte Messungen der Vitaldaten
Im Inneren des kleinen Gehäuses arbeitet verblüffend genaue Technik. Neben der Beschleunigung und der Hauttemperatur erfasst das Band auch die Blutsauerstoffsättigung und den Puls. Die Herzfrequenz wird durchgehend und in kurzen Intervallen gemessen.
Die von uns im Test erhobenen Werte sind exakt und reichen selbst bei Sportarten mit starken Armbewegungen fast an die Genauigkeit eines professionellen Brustgurts heran. Das Gerät kann zudem vor Vorhofflimmern warnen und lässt sich per Bluetooth als externer Pulssensor für kompatible Fitnessgeräte nutzen.
Leider nicht an Bord ist die „Loss of Pulse“-Funktion, die automatisch den Notruf alarmiert, wenn beim Träger kein Pulsschlag mehr festgestellt wird. Dieses Feature hält Google offenbar exklusiv für seine Smartwatches der Pixel-Watch-Serie. Auch auf eine EKG-Funktion wurde verzichtet.
Auch beim Sport präzise - aber mit Einschränkungen
Allerdings gibt es auch Schwächen. Wer beim Laufen oder Radfahren seine Strecke aufzeichnen möchte, muss das Smartphone mitführen, da im Fitbit Air kein GPS-Modul steckt. Auch beim Schwimmen zeigt sich der Tracker rudimentär und protokolliert lediglich die Trainingsdauer.
Die automatische Trainingserkennung funktioniert zumeist akkurat, sobald man länger als 15 Minuten am Stück aktiv ist. Will man sich darauf nicht verlassen, muss das Smartphone aus der Tasche geholt und die Google Health-App aufgerufen werden. Was dann kommt, erweist sich auch Ende Juli noch als ausgesprochen umständlich.
Hat man in der App auf „Starten“ getippt, bekommt man die übliche Liste mit Workouts angezeigt. Jedoch: Zum einen fehlt dort eine Auflistung der vier oder fünf zuletzt verwendeten Sportarten. Diese muss jedes Mal aus der Liste „Alle Trainings“ herausgesucht werden. Die Sortierung hier ist höchst merkwürdig – bis einem klar wird: Die verschiedenen Sportarten wurden zwar ins Deutsche übersetzt, die Sortierung folgt aber weiter den englischen Bezeichnungen. Google, bitte ändern.
Schlaf und Erholung: der smarte Wecker
In der Nacht sammelt das Band fleißig Daten zu Schlafphasen, der Herzfrequenzvariabilität und der generellen Schlafqualität, welche morgens in einer übersichtlichen Tagesform-Bewertung gebündelt werden („Du hast schlecht geschlafen, verschiebe dein intensives Training lieber auf morgen.“ oder „Mit einem Sleep Score von 84 hast du ordentlich regeneriert. Nach dem Lauf am Dienstag wäre heute ein guter Moment für Krafttraining oder Stretching.“). Die Erkennung der Schlafphasen arbeitet dabei auf einem sehr hohen Niveau. Schwierigkeiten hat das System mitunter lediglich bei der genauen Erfassung kurzer nächtlicher Wachphasen.
Ein echtes Highlight ist der integrierte Schlafphasenwecker. Dieser errechnet ein halbstündiges Zeitfenster und weckt den Träger in einer leichten Schlafphase per sanfter Vibration am Handgelenk zum optimalen Zeitpunkt. Ein kräftiges Doppeltippen auf das Band genügt, um den Alarm auszustellen.
Ausdauernd und schnell geladen
Da kein stromfressendes Display verbaut ist, glänzt das Modell mit einer guten Ausdauer. Eine volle Ladung reicht problemlos für mindestens eine Woche, bei sparsamer Nutzung sind sogar bis zu 15 Tage möglich. Eine dezente LED an der Seite gibt durch kurzes Aufleuchten nach einem Doppeltipp Auskunft über den aktuellen Ladestand.
Geht dem Akku doch einmal die Puste aus, genügen fünf Minuten am magnetischen Ladekabel, um Energie für einen kompletten Tag nachzutanken. Komplett geladen ist der Tracker in rund 90 Minuten. Eine völlig kabellose Lademöglichkeit direkt am Arm, wie sie Whoop etwa anbietet, gibt es hier allerdings nicht.
Verständliche Gesundheits-App ohne Extrakosten
Der wohl größte Vorteil gegenüber der Konkurrenz liegt im Preismodell. Während man bei anderen Geräten dieser Klasse – etwa bei dem bereits erwähnten Whoop – teils horrende jährliche Abo-Gebühren zahlen muss, damit das Gadget nicht zu einem nutzlosen Stück Elektronikschrott verkommt, kostet dieses Modell einmalig rund 100 Euro und lässt sich mit seinen Grundfunktionen ohne weitere Kosten nutzen.
Sämtliche wichtigen Daten wie Schritte, Kalorienverbrauch, Schlafphasen und der Tagesform-Index fließen übersichtlich in eine leicht verständliche Gesundheits-App ein. Die Anwendung Google Health wird übrigens nicht nur für Android Smartphones angeboten, sondern auch für die iPhone-Plattform iOS. Damit tritt das Fitbit Air in direkte Konkurrenz zu den Apple-Watch-Modellen als Fitness-Tracker.
Premium-Abo mit KI-Coach und Videos - brauchen die meisten nicht
Wer vor einem Premium-Abo nicht zurückschreckt, erhält für knapp zehn Euro im Monat den Zugriff auf Trainingsvideos, eine unbegrenzte Datenspeicherung und einen KI-basierten Gesundheitscoach.
Dieser auf modernen Sprachmodellen basierende Chatbot kann individuelle Trainingspläne entwerfen, Fragen zur eigenen Gesundheit beantworten und auf Basis der gesammelten Körperdaten persönliche Alltagstipps formulieren. Für die meisten Alltagsnutzer dürfte die kostenfreie Basisversion aber völlig ausreichend und überzeugend sein. Übrigens: Wer bei Google One bereits das Speicherplatz- und AI-Abo „AI Pro“ abgeschlossen hat, bekommt Google Health Premium kostenlos dazu.
Fazit: Attraktiver Fitness-Tracker mit Fokus aufs Wesentliche
Das Google Fitbit Air erweist sich im Test als durchdachter Gegenentwurf zum permanenten Benachrichtigungsfeuerwerk einer Smartwatch. Es punktet vor allem dort, wo es darauf ankommt: Ein federleichtes, kaum spürbares Design, eine sehr präzise Herzfrequenz- und Schlafmessung sowie eine hervorragende Akkulaufzeit von ein bis zwei Wochen machen das Wearable zum idealen Begleiter für alle, die ihre Vitaldaten diskret tracken wollen.
Besonders positiv sticht das faire Preis-Leistungs-Verhältnis heraus. Für einmalig rund 100 Euro liefert Google ein starkes Gesamtpaket ohne zwingenden Abo-Zwang, ein deutlicher Vorteil gegenüber der oft teureren Konkurrenz wie Whoop.
Ganz ohne Schwächen bleibt der Screen-Detox-Tracker allerdings nicht. Sportler müssen ohne GPS leben oder zwingend das Smartphone mitführen, und die Steuerung über die Google-Health-App zeigt in der Praxis bei der Workout-Auswahl noch nervige Detailmängel. Auch Features wie EKG oder Notfall-Funktionen fehlen.
Wer jedoch ein bezahlbares, ausdauerndes Gadget für die Erholung, das Schlaf-Tracking und den Alltag sucht – oder endlich wieder eine klassische Armbanduhr tragen möchte, ohne auf Gesundheitsdaten zu verzichten –, bekommt mit dem Fitbit Air einen empfehlenswerten und unaufdringlichen Partner ans Handgelenk. (Mit Material von dpa)