Werden ältere Stellensuchende in der Schweiz systematisch benachteiligt? Die Statistik sagt eher Nein, doch einfach ist die Situation nicht.
Werden ältere Stellensuchende in der Schweiz systematisch benachteiligt? Die Statistik sagt eher Nein, doch einfach ist die Situation nicht.

Karin Hofer / NZZ
Eigentlich spricht alles dafür, das Rentenalter in der Schweiz zu erhöhen: die längere Lebensdauer der Leute, der Fachkräftemangel, die Finanzierung der Sozialwerke. Die Politik bemüht sich um Anreize, damit die Leute länger im Job bleiben, und aus der Wirtschaft heisst es, dass ältere Arbeitnehmer immer gefragter seien. Wirklich?
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Eine ganz andere Erfahrung hat Daniela Meier (Name geändert) gemacht. Die 55-jährige Betriebswirtschafterin ist ein indirektes Opfer des Credit-Suisse-Untergangs. Sie hat vor zwei Jahren ihre Stelle in einer Technologieberatung verloren, deren grösster Kunde die Grossbank gewesen war. Der Jobverlust kam nicht unerwartet, die Managerin nutzte die Zeit für die Stellensuche und machte unter anderem eine Ausbildung zur Verwaltungsrätin. Sie, die vorher erfolgreich auf Geschäftsleitungsebene und auch international tätig gewesen war, war zuversichtlich, innert ein paar Monaten fündig zu werden.
Zu teuer? Zu anspruchsvoll?Die Zuversicht liess dann aber rapide nach: Im ersten Jahr der Stellensuche wurde sie kaum je für ein Interview eingeladen. Die Zahl der Angebote, die passend gewesen wären, war tief – und die der Stellensuchenden in ihrem Bereich zu gross. Sie probierte es auf allen Kanälen, bewarb sich nicht nur auf öffentlich ausgeschriebene Stellen, sondern suchte auch im verdeckten Markt und schaltete eine Personalberaterin ein. Doch nichts half, auch ihr Netzwerk nicht. Sie merkte, dass ihre früheren Mentoren inzwischen nicht mehr an den verantwortlichen Positionen sassen und ihr nicht weiterhelfen konnten.
Nach zwei Jahren Arbeitslosigkeit und zahllosen Bewerbungen steht Daniela Meier jetzt vor der Aussteuerung. Sie sieht sich nicht als Einzelfall. Mehreren Bekannten sei es ähnlich ergangen. Einige von ihnen seien am Ende ausgewandert und würden von den Pensionskassengeldern leben. Diese Personen finde man in der Arbeitslosenstatistik nicht.
Meier ist überzeugt, dass die Schweiz ein strukturelles Problem hat, über das niemand reden wolle: Die älteren Arbeitskräfte würden durch jüngere ausgetauscht. Gerade in international ausgerichteten Firmen stehe man in direkter Konkurrenz zu Bewerbern aus der ganzen EU. Wer beim Staat arbeite, könne sich das oft gar nicht vorstellen, deshalb werde das Problem von den Behörden auch verharmlost.
Mit dieser Auffassung ist Daniela Meier nicht allein. Auf Plattformen wie Linkedin ist die Stellensuche von über 50-Jährigen ein riesiges Thema. Es gibt zahlreiche Personen, die ähnliche Erfahrungen schildern wie Meier: Auf dem Arbeitsmarkt herrsche ein Jugendwahn, wer älter sei, habe keine Chance mehr. Doch es gibt auch Widerspruch: Die Älteren seien an ihrer Situation zum Teil auch selber schuld, wird in Kommentaren gekontert. Sie hätten häufig Vorstellungen von zu hohen Löhnen, was sie zusammen mit den hohen Beiträgen für die Pensionskasse für eine Firma unattraktiv mache.
Den Einwand, dass ältere Mitarbeiter zu teuer seien, findet Meier ungerechtfertigt. Ihre Erfahrung erlaube ihr, die Arbeit schnell zu erledigen, das zahle sich für den Arbeitgeber aus. Im Übrigen sei ihre Jobsuche nicht am Lohn gescheitert. Sie habe sich auch auf Stellen gemeldet, für die sie überqualifiziert sei, doch das klappe auch nicht. Es sei eine Illusion, zu denken, man müsse nur mit den Ansprüchen runter und finde eine Anstellung.
Dass die Schweiz einen Fachkräftemangel habe, daran glaubt Meier schon lange nicht mehr. Unternehmen suchten immer häufiger den perfekten Kandidaten mit exakt passendem Profil, statt erfahrenen Menschen eine Chance zu bieten oder sie einzuarbeiten. Dabei gebe es viele Kompetenzen, die übersetzbar seien; ihre langjährige Erfahrung mit Banken könne sie auch bei Versicherungen anwenden.
Das Geburtsdatum wird verschwiegenDiese Einschätzung wird von Daniela Meiers Personalberaterin geteilt. Sie ist seit fünfzehn Jahren im Executive Search tätig und will nicht mit Namen genannt werden. Die Firmen gäben nur ungern jemandem aus einer anderen Branche eine Chance, sagt sie. Zudem wünschten sie sich häufig jüngere Personen. Hin und wieder könne sie gegensteuern und einem älteren Kandidaten zu einem Bewerbungsgespräch verhelfen, doch das sei die Ausnahme. Dabei gehe es praktisch nie um die Kosten, sondern das Argument sei eher: Unsere Kundschaft wird jünger, wir wollen die Aussenwelt in unserem Team widerspiegeln.

Gaëtan Bally / Keystone
Ihre Erfahrung ist: Ab 55 Jahren wird es mit der Stellensuche schwierig. Häufig bekomme sie von den Kunden zu hören: «Wir hätten am liebsten jemanden zwischen 40 und 50. Die Jüngeren haben noch zu wenig Erfahrung, und die anderen sind zu alt.» Kleine und mittlere Betriebe oder Familienunternehmen seien gegenüber älteren Kandidaten deutlich aufgeschlossener als grosse Firmen.
Im internationalen Kontext gilt es als unüblich, persönliche Angaben wie das Geburtsdatum im Lebenslauf zu nennen oder ein Foto beizulegen. Auch Daniela Meier lässt im Lebenslauf das Geburtsdatum weg und gibt ihre früheren Tätigkeiten nicht mit Jahreszahlen an, damit die Personalverantwortlichen nicht auf den ersten Blick sehen, wie alt sie ist, und ihre Bewerbung aussortieren. Das Ziel ist es, zu einem Vorstellungsgespräch eingeladen zu werden. Allerdings setzen viele Firmen bei der Stellensuche auf Standardprofile. Werde dabei die Frage gestellt, ob man über 50 Jahre alt sei, dann könne man es als ältere Person eigentlich vergessen, sagt die Personalberaterin.
Gleichwohl teilt sie die Ansicht von Daniela Meier nicht, dass die Älteren auf dem Schweizer Arbeitsmarkt generell diskriminiert würden. Es sei einfach so, dass es enorm viele jüngere Leute gebe, die eine Topausbildung vorweisen könnten. Deshalb entstehe mehr Konkurrenz, was bei einer wirtschaftlichen Abkühlung zu mehr Arbeitslosen führe – auch bei der Gruppe der Älteren.
Beim Schweizerischen Arbeitgeberverband tönt es ähnlich. «Es gibt zwei besonders vulnerable Gruppen auf dem Arbeitsmarkt: die Berufseinsteiger und die Älteren, die wenige Jahre vor der Pensionierung stehen», sagt Patrick Chuard. Bei den Älteren verlaufe die Entwicklung übers Ganze gesehen aber positiv. Ihre Arbeitsmarktbeteiligung sei in den letzten fünfzehn Jahren stark gestiegen und falle im internationalen Vergleich überdurchschnittlich hoch aus. «Die Älteren leiden aber womöglich mehr, wenn sie keine Stelle haben. Man fühlt sich ungerecht behandelt, weil man viele Jahre zuverlässig seine Aufgaben erfüllt hat, und dann scheidet man mit 58 aus und hat Mühe, etwas Neues zu finden.»
Mehr als ein Fünftel ist nicht erwerbstätigIn der Erwerbslosenstatistik stechen die Älteren nicht als Problemgruppe hervor. Im ersten Quartal 2026 lag der Anteil der Erwerbslosen an der Gesamtbevölkerung (ab 15 Jahren) über alle Altersgruppen hinweg bei 5,2 Prozent. Bei den 55- bis 64-Jährigen waren es nur 3,6 Prozent. Was hingegen auffällt: Unter den älteren Personen gibt es auffällig viele, die nicht am Arbeitsleben teilnehmen und nicht auf Stellensuche sind. Ihr Anteil betrug 2025 rund 22 Prozent. Mehr als ein Fünftel der 55- bis 64-Jährigen ist also nicht erwerbstätig. Sind das vornehmlich Personen, die freiwillig früher in Rente gegangen sind? Oder ziehen sich viele Ältere unfreiwillig zurück, weil sie keine Chancen mehr auf dem Arbeitsmarkt haben, wie Daniela Meier vermutet?
Aus der Schweizerischen Arbeitskräfteerhebung wisse man, dass der Wunsch der Älteren, erwerbstätig zu sein, abnehme, sagt Chuard. Die Präferenzen änderten sich, viele ältere Menschen gingen sehr gerne in die Frühpension. Doch es gebe natürlich auch die anderen Fälle. Chuard sieht auch die Arbeitgeber in der Pflicht, die Älteren zu beschäftigen. Gleichzeitig könne es erforderlich sein, dass ein Unternehmen Umstrukturierungen vornehme und Entlassungen beschliesse. «Dann kann sich die Frage stellen: Soll man den 60-jährigen Mitarbeiter entlassen oder den 35-Jährigen mit Familie?»
In der Praxis gibt es hier eine deutliche Tendenz: Laut dem Arbeitsmarkt-Barometer 2026 des Outplacement-Beraters Alixio sind es bei Abbaumassnahmen vor allem ältere Arbeitnehmer, die mit einer Entlassung rechnen müssen. Der Anteil an Kündigungen ist laut Alixio bei den über 50-Jährigen seit vier Jahren überproportional hoch: Zuletzt lag er bei 41 Prozent – der Anteil der Erwerbstätigen über 50 betrage hingegen 30 Prozent. Und die Suche nach einem Job dauere in dieser Altersklasse am längsten, nämlich im Schnitt mehr als sieben Monate.
Sie sei eine liberale Person, sagt Daniela Meier. Doch es könne nicht sein, dass die Firmen die Gewinne internalisierten und die Kosten sozialisierten. Inzwischen ist sie überzeugt, dass man die Unternehmen mit Quoten dazu verpflichten muss, einen gewissen Anteil an Mitarbeitern über 50 Jahren und an Berufseinsteigern einzustellen. Wenn erfahrene Fachkräfte mit Mitte fünfzig den Arbeitsmarkt unfreiwillig verliessen, verliere die Volkswirtschaft Wissen und Produktivität – während gleichzeitig über Fachkräftemangel diskutiert werde. Der Umgang mit den älteren Arbeitnehmern sei der Schweiz unwürdig. Und solange das so sei, sei auch ein höheres Rentenalter illusorisch.
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