Am Flughafen Leipzig wurde eine Sprengstoff-Drohne direkt neben einem ukrainischen Munitionsflieger gefunden. Das Inferno wurde knapp verhindert.
Stand: 06.08.2026, 14:49 Uhr
Von: Jens Kiffmeier
Am Flughafen Leipzig wurde eine Sprengstoff-Drohne direkt neben einem ukrainischen Munitionsflieger gefunden. Das Inferno wurde knapp verhindert.
Leipzig – Die Bombe flog neben einem Munitionsflieger. Das ist die brisante neue Erkenntnis im Fall der Sprengstoff-Drohne, die in der Nacht zu Mittwoch am Flughafen Leipzig/Halle entdeckt worden ist: Eines der ukrainischen Frachtflugzeuge, neben dem das Fluggerät lag, war nach Informationen von NDR, WDR und Süddeutscher Zeitung mit militärischer Munition beladen – offenbar kurz zuvor aus Frankreich eingeflogen und für den Weitertransport bestimmt. Die Drohne trug den Sprengstoff Semtex an Bord, eine selbst gebaute Fernzündung verhinderte die Explosion, weil ein Zünder abgerissen war, wie Bundesinnenminister Alexander Dobrindt (CSU) bestätigte. Leipzig entkam der Katastrophe – aber nur knapp.

Entdeckt worden war die Drohne am Dienstagabend gegen 23:42 Uhr. Nach Welt-Informationen hatte ein Busfahrer, der eine interne Bustour des Flughafens leitete, das tief fliegende Gerät zuvor zu Boden gebracht – ein Mitarbeiter der PortGround GmbH fand es anschließend auf dem Vorfeld. Die Drohne lag nur wenige Meter von einer ukrainischen Antonow AN-124 entfernt, in deren Nähe sich insgesamt vier Maschinen der ukrainischen Frachtfluggesellschaft befanden. Spezialisten der Bundespolizei stuften den Gegenstand als unkonventionelle Spreng- und Brandvorrichtung (USBV) ein und entfernten den Zünder. Testungen zufolge soll es sich bei der befestigten Masse um den Sprengstoff Semtex handeln – ein hochexplosiver Stoff, der militärisch sowie bei der Sprengung von Gebäuden eingesetzt wird.
„Neue Gefahrenqualität“: Ermittler suchen nach Hintergründen zum Drohnen-Alarm in LeipzigBesonders brisant: Wegen der laufenden Sperrung der Landebahn musste eine DHL-Frachtmaschine durchstarten. Das Flugzeug kollidierte wenige Minuten später etwa 6,5 Kilometer östlich des Flughafens in einer Höhe von rund 400 bis 600 Metern mit einem bislang unbekannten Objekt. Laut einem Bericht der Bild-Zeitung soll es sich dabei um eine mutmaßliche Beobachtungsdrohne gehandelt haben – möglicherweise mit einer Kamera ausgestattet, um den Anschlag zu filmen. Nach der Landung in Hannover wurden leichte Schäden im Frontbereich der Maschine festgestellt. Das Landeskriminalamt Sachsen sucht weiterhin nach Teilen einer möglichen zweiten Drohne.
Dobrindt, der seinen Italienurlaub für eine Pressekonferenz in Leipzig unterbrach, sprach am Mittwochabend von einer „neuen Gefahrenqualität“ und einem „hybriden Anschlagsszenario“. Er betonte: „Das war kein amateurhaftes Vorgehen.“ Zu möglichen Hintermännern äußerte er sich zurückhaltend: „Alle Spekulationen über Sprengstoff, Konstruktion, die Herkunft und wer dahintersteckt, sind Teil der Aufklärung. Wir ermitteln in alle Richtungen.“ Auch „fremde Mächte“ als Drahtzieher schloss er nicht aus.
Die Generalstaatsanwaltschaft Dresden und das LKA Sachsen haben die Ermittlungen übernommen. Eine Besondere Aufbauorganisation (BAO) mit 100 Fahndern soll bei der Polizeidirektion Leipzig die Arbeit aufgenommen haben, das Bundesamt für Verfassungsschutz ist ebenfalls eingebunden. Die NATO erklärte auf Anfrage: „Wir sind über den Vorfall informiert, den die deutschen Behörden weiterhin untersuchen.“
Hartmut Fricke, Professor für Technologie und Logistik des Luftverkehrs an der TU Dresden, sieht in dem Vorfall eine neue Dimension der Bedrohung. Anders als bei bisherigen Drohnenvorfällen gehe es nicht mehr allein um die Gefahr einer Kollision mit einem Flugzeug. Eine Sprengvorrichtung erhöhe das Gefahrenpotenzial erheblich, sagte er der Deutschen Presse-Agentur. Sollte sich ein gezielter Anschlagsversuch bestätigen, zeige der Vorfall, „dass wir in der Entdeckung derart kleiner Objekte an kritischen Infrastrukturen noch nicht gut sind“. Geeignete Technologien zur Drohnenerkennung – Radar-, Laser-, Kamera- und Infrarotsysteme – seien grundsätzlich verfügbar. „Die Entwicklungen gehen auf prototypischer Ebene gut voran, aber die Implementierung am Markt beziehungsweise in den Einrichtungen muss schneller werden“, sagte Fricke. Auf die Frage, ob künftig häufiger mit vergleichbaren Vorfällen zu rechnen sei, antwortete er: „Leider ja, solange die Russland-Aggression nicht stoppt.“
Nach Drohnen-Vorfall am Flughafen: Grüne rufen Nationalen Sicherheitsrat anPolitisch wächst der Druck. Die Grünen-Fraktionschefin Katharina Dröge forderte am Donnerstag, der Nationale Sicherheitsrat müsse umgehend zusammenkommen. In einer solch ernsten Situation dürften auch Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) und Verteidigungsminister Boris Pistorius (SPD) nicht fehlen. Dröge sprach von einem „erheblichen und schweren hybriden Angriff“ und erklärte, es spreche sehr viel dafür, dass ein staatlicher Akteur die Verantwortung trage. „Das wäre dann Staatsterrorismus, auf den es eine klare und konsequente Reaktion der Bundesrepublik Deutschland braucht.“ Auch eine Konsultation im Rahmen der NATO hält sie für angemessen.
SPD-Innenexpertin Sonja Eichwede verwies derweil darauf, dass der Flughafen Leipzig/Halle zwar mit einem Drohnenabwehrsystem ausgestattet sei – die eingesetzte Drohne sei jedoch keine handelsübliche, sondern professionell gebaut gewesen und deshalb nicht erkannt worden. Voraussichtlich kommende Woche werde das Bundeskabinett weitere Befugnisse für die Nachrichtendienste beschließen. (Quellen: AFP, dpa, WDR, NDR, Süddeutsche Zeitung, Welt, Bild) (jenko)
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