Die Ukraine treibt in ihrem Abwehrkampf eine große Sorge um. Wolodymyr Selenskyjs Berater erhebt Vorwürfe in Richtung Russland.
Stand: 07.08.2026, 05:14 Uhr
Von: Marcus Giebel
Die Ukraine treibt in ihrem Abwehrkampf eine große Sorge um. Wolodymyr Selenskyjs Berater erhebt Vorwürfe in Richtung Russland.
Kiew – Noch in der Nacht war das Urteil gefällt. Einer weiteren Nacht, die Kiews Bewohner nicht zur Ruhe kommen ließ. Weil Russland die Stadt nach Angaben des ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj mit zwei Dutzend ballistischen Raketen und einer dreistelligen Anzahl an Drohnen heimsuchte. „Der Zermürbungskrieg hat seine nächste Phase erreicht“, schrieb Präsidenten-Berater Serhij Beskrestnow auf Facebook zu einem Foto von Flammen erhellter Rauchschwaden zur aktuellen Lage im Ukraine-Krieg.

„Der Feind greift wahllos alles an: Einzelhandelslager, Lebensmitteldepots, Logistikzentren, Industrieanlagen und Lager für Baumaterialien“, wurde er konkret. Das große Problem der Ukraine benannte wenige Stunden zuvor Carlo Masala im Interview mit dem TV-Sender Welt. „Den Ukrainern gehen die Interzeptoren aus“, betonte der Professor für Sicherheits- und Verteidigungspolitik an der Universität der Bundeswehr München. Es mangele an „Raketen, die die anfliegenden Marschflugkörper und ballistischen Raketen abfangen können“.
Ukraine und die Luftverteidigung: Werden Interzeptoren künftig im Land hergestellt?Abhilfe könnte vom mittlerweile am schwierigsten einzuschätzenden Unterstützer kommen. Denn wie die internationale Nachrichtenagentur Reuters unter Berufung auf vier Quellen berichtet, drängen die USA weiter auf Gespräche, der Ukraine die Herstellung der Patriot-Interzeptoren zu erlauben. US-Präsident Donald Trump hatte Zweifel an diesen Vorhaben geäußert. Für Kiew haben sich die Raketen-Abfänger aus Übersee gegen die russischen Luftangriffe längst bewährt.
Masala findet es „noch dramatischer“, dass die europäischen Partner vor einer Lieferung an die Ukraine zurückschrecken. Er erwähnt Spanien und Griechenland, die „sich mit Blick auf ihre eigene Sicherheitssituation weigern, diese Interzeptoren oder Teile dieser Interzeptoren“ zur Verfügung zu stellen. Die zunehmende Bedrohungslage im Westen hat also für Kiew unmittelbare Folgen.
Der Militärexperte rät: „Man muss überlegen, welche Alternative es zu Patriots und Patriot-Interzeptoren gibt und wie weit es möglich ist, diese in einem ausreichenden Maße in Europa oder in der Ukraine zu produzieren.“ Denn es brauche eine Alternative zur bisherigen Form der Luftverteidigung.
Russische Luftattacken auf Ukraine: Mehr als 8300 Gleitbomben in einem Monat eingesetztSelenskyj stellte daher auch in einem X-Post klar: „Derzeit sind die russischen Angriffe die größte Herausforderung. Die Vereinigten Staaten wissen ganz genau, was wir brauchen, und dass es hier nicht um etwas Abstraktes geht.“ Um die Luftabwehr zu unterstützen, seien politische Entscheidungen notwendig. Dabei erwähnte das Staatsoberhaupt auch Europa sowie das Bündnis der G7.
In diesem Zusammenhang dürfte Selenskyj auch an die Gleitbomben denken, die seinen Landsleuten enorm zusetzen. Russland setzt vermehrt auf die günstigen und effektiven Fliegerbomben. Laut dem ukrainischen Verteidigungsministerium sollen allein im Juli mehr als 8300 davon eingesetzt worden sein.

„Gleitbomben helfen den Russen derzeit massiv“, wird der österreichische Politikwissenschaftler Gustav Gressel vom News-Portal Welt zitiert. Er sieht in den umfassenden Luftangriffen, die mit so ziemlich allem ausgeführt werden, was die russischen Lager hergeben, hauptsächlich ein Motiv: Die Bevölkerung der Ukraine soll terrorisiert werden.
Ukraine-Krieg und der nächste Winter: Putin lässt Tankstellen zerstören und Häfen angreifenDas schlussfolgert auch Masala, der zudem „eine systematische Kampagne“ vermutet, „auch zur Zerstörung kritischer Endinfrastruktur in der Ukraine, zum Beispiel Tankstellen“. So wolle Kreml-Chef Wladimir Putin den Menschen im überfallenen Nachbarland einen möglichst harten Winter bescheren.
Hinzu kämen neuerdings die „Angriffe auf die Häfen rund um Odessa, um die Ukraine komplett vom Wasser abzuschneiden und damit den ukrainischen Weizenexport zu verhindern, eine wichtige Einnahmequelle der Ukraine“. Gerade erst hatte das russische Verteidigungsministerium Drohnen-Attacken auf drei Frachter im Schwarzen Meer vermeldet. Bei einem davon handelt es sich offenbar um ein Schiff einer deutschen Reederei.
Trotz dieser Entwicklungen geht Masala nicht davon aus, dass eine entscheidende Phase des fast fünfeinhalb Jahre andauernden Kriegs bevorsteht. Es sei „ein sehr uneinheitliches Bild“. Russland dränge im Donbass mit starken Kräften voran. Die Ukraine setze auf „Abnutzung in Russland und gleichzeitig an der Front, indem sie versucht, so viele Russen wie möglich zu neutralisieren, so dass Russland mehr Personen an der Front verliert, als es rekrutieren kann“.
Luftkampf im Ukraine-Krieg: Selenskyj verkündet Fortschritte beim eigenen RaketenabwehrsystemDie New York Times schreibt derweil sogar von zwei Kriegen in einem. Da wäre die blutige Pattsituation an der Front, also an Land. Und der eskalierende Luftkampf, für den beide Seiten immer innovativere Waffen produzieren würden. Russland nutze den Shahed-Drohnen nachempfundene Modelle mit Strahltriebwerken, kostengünstige Marschflugkörper und eben die satellitengesteuerten Gleitbomben. Dem begegne die Ukraine mit einem stetig weiterentwickelten Arsenal an Drohnen sowie Hybriden aus Raketen und Drohnen.
Der Ukraine-Krieg wandelt sich also. Und wird wohl noch so einige Phasen durchlaufen. Immerhin konnte Selenskyj via Telegram eine wichtige Erfolgsmeldung verkünden. Die Ukraine macht Fortschritte bei der Entwicklung eines Systems zur Abwehr ballistischer Raketen. An dem Programm mit dem Namen Freyja seien zehn Länder beteiligt und der Kreis werde noch größer. Als Ziel gab er aus, dass zum kommenden Jahreswechsel konkrete Ergebnisse zu verzeichnen sind. (Quellen: Facebook, Welt, Reuters, X, ukrainisches Verteidigungsministerium, russisches Verteidigungsministerium, New York Times, Telegram) (mg)