Thomas Tuchel hat sich die britische Akzeptanz mit Engagement und Erfolgen erarbeitet. Drei Siege noch, dann ist er „König von England und für immer ein Held“.
Ein Deutscher als englischer Nationaltrainer: Das war früher unvorstellbar. Thomas Tuchel hat sich die britische Akzeptanz mit Engagement und Erfolgen erarbeitet. Drei Siege noch, dann ist er der „nächste König von England und für immer ein Held“.
Wenn Mick Jagger über Thomas Tuchel redet, kann das nur eines bedeuten: Die WM geht in ihre entscheidende Phase, und jeder hat eine Meinung dazu. Wirklich jeder.
Rolling-Stones-Legende Jagger erteilt Tuchel, dem deutschen Trainer der englischen Nationalmannschaft, stellvertretend die Absolution. „Ja, Mann, er soll einfach loslegen“, sagt er zu „Bild“. Eine Anspielung auf Tuchels Aussage, die englische Hymne erst bei einem Finaleinzug singen zu wollen – weil er glaube, dass ihm das vorher nicht zustünde.
In der stolzen, aber nicht besonders glorreichen Geschichte der englischen Fußball-Nationalmannschaft ist Tuchel der dritte nicht-englische Coach. Der Schwede Sven-Göran Eriksson versuchte sich an der Hymne, der Italiener Fabio Capello nicht. Was beide einte: Sie gingen ohne Pokal. 60 Jahre ist Englands einziger Weltmeistertitel her, Wembley 1966.
Und jetzt soll ausgerechnet ein Deutscher die bleischwere britische Sehnsucht stillen. Ein Deutscher!
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„Thomas Tuchel hat bewiesen, dass er ein Spitzentrainer ist. Er ist scharfsinnig, charismatisch und lässt sich von großen Persönlichkeiten nicht einschüchtern. Sollte er England zum ultimativen Triumph führen, dann wird er der nächste König von England und könnte sich bei uns sein eigenes Schloss bauen – dort würde er für immer als Held gefeiert werden.“
Das Gute für In-spe-Schlossherr Tuchel: Es fließen gerade zwei Ströme zusammen.
Zum einen hat er eine Menge dafür getan, trotz seines Reisepasses auf der Insel gelitten zu sein. Er ist quasi ein „Anti-Nagelsmann“, weil dem Ex-Bundestrainer seit Deutschlands WM-Debakel unverhohlen vorgeworfen wird, in der Vorbereitung zu wenig Spiele besucht, zu wenig Präsenz gezeigt und zu wenige Bindungen gepflegt zu haben. Tuchel verfolgt das exakte Kontrastprogramm (dazu gleich mehr).
Zum anderen erfüllt Tuchel den kleinsten und zugleich größten gemeinsamen Nenner im Kampf um Anerkennung: Seine Mannschaft siegt. Ein Trainer kann so engagiert und devot sein, wie er will; es würde nichts nützen, wenn der Erfolg ausbleibt. Insofern muss auch dieser Text mit einem großen Sternchen versehen werden: Fliegt England gegen Norwegen raus, ist eh alles anders (*Mindesthaltbarkeitsdatum).
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Fürs Erste aber wird Tuchel, der Schwabe, von den Briten als einer von ihnen anerkannt. Erstaunlich genug. Im Vergleich zum einnehmenden Naturell der Liverpool-Legende Jürgen Klopp ist der 52-Jährige mit seiner asketischen, eher steifen Art ja eigentlich ein Gegenentwurf. Aber: sportlich ähnlich überzeugend. 2021 holte er mit Chelsea die Champions League, Anfang 2025 übernahm er die Three Lions und gewann jedes einzelne WM-Qualifikationsspiel.
Im Podcast „Copa TS“ schildert Ex-Nationalspieler Per Mertesacker, bis vor kurzem Leiter von Arsenals Nachwuchsakademie, den emsigen Tuchel so:
„Was der abgerissen hat! Er begrüßt alle, kennt alle, spricht mit allen. Er hat sich richtig auf die englische Kultur eingelassen, hat viele Spiele geschaut, Beziehungen gehalten zu Spielern, mutige Entscheidungen getroffen. In England redet jeder positiv über ihn. Weil er den Leuten offen, ehrlich und mit Respekt gegenübertritt. Er wird sehr positiv wahrgenommen.“
Weltmeisterkollege Christoph Kramer stimmt zu. Tuchel habe es in seiner Amtszeit „exzellent gemacht – nicht nur, was das Spiel auf dem Platz angeht, sondern auch das ganze Drumherum. Er ist der liebe Boss, den alle respektieren. Auch wenn er die Spieler manchmal anschreit mit seiner ganzen Mimik und Gestik – sie nehmen es ihm nicht übel. Weil sie wissen, wie er ist.“
Kramer weiter:
„Alles geht über die Beziehung. Von einem wie Jude Bellingham kannst du nur etwas fordern, wenn er dich liebt. Und dafür musst du ihn auch ein bisschen lieben. Ich glaube nicht, dass man gegen einen Trainer spielen kann – aber ich glaube, dass man in gewissen Situationen ein bisschen für ihn spielen kann. Diese englische Mannschaft geht für Thomas Tuchel vielleicht die entscheidenden Extrameter durchs Feuer.“
Jeder im englischen Nationalteam wisse, „wer das Sagen hat“, unterstreicht Agg, ein gebürtiger Liverpooler. Wie zum Symbol tauchte nach Englands Achtelfinalsieg über Mexiko (3:2) ein Kabinenvideo auf, das zeigte, wie John Stones offenbar eine Schulterverletzung plagt. Als Tuchel seinen Verteidiger sieht, gefriert ihm prompt die Miene. Dann bricht Gelächter aus, Stones tanzt munter zur Musik, und Tuchel nimmt ihn erleichtert in den Arm. Reingefallen!
Welch eine Wandlung. Es ist nicht lange her, da haben die Briten ihren schwarz-rot-goldenen Erzrivalen verlässlich verunglimpft. Die bösen Deutschen waren die „Krauts“ (tatsächlich eine Anlehnung ans Sauerkraut), und jede sportliche Auseinandersetzung mit England wurde in tumber Rhetorik zu martialischen Kriegsmetaphern stilisiert – als würden sich die Gefechte der Vergangenheit nun auf den Sportbühnen fortsetzen.
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Bei der EM 1996 stülpte der „Daily Mirror“ seinen Nationalspielern Stuart Pierce und Paul Gascoigne vor dem Halbfinale gegen Deutschland jeweils Stahlhelme auf den Kopf. Parallel wurde das Formel-1-Duell zwischen Damon Hill und Michael Schumacher mit unsäglichen Schlachtengemälden aufgeladen. Damals, vor 30 Jahren, wäre ein Deutscher als Trainer der heiligen englischen Fußball-Nationalmannschaft unvorstellbar gewesen.
Zum Glück war früher nicht alles besser. Die Spannungen lockerten sich, und Klopp trug massiv zum deutschen Bild auf der Insel bei. „Ich habe schon oft betont, dass er der bedeutendste Botschafter Deutschlands in der gesamten Geschichte dieser großartigen Nation ist“, sagt Agg.
„Klopp war der Wegbereiter für die Welle deutscher Trainer im englischen Fußball. Und ich gehe davon aus, dass noch mehr deutsche Trainer den Weg in unseren Fußball finden werden.“
Agg nennt die Namen der England-erprobten Felix Magath, Daniel Farke, Ralf Rangnick, David Wagner, Fabian Hürzeler, Danny Röhl sowie Jan Siewert. „In naher Zukunft“ erwartet er außerdem, dass sich „Sebastian Hoeneß und Dino Toppmöller diesem deutschen Trend in Richtung England anschließen werden“. Aha! Weiß da einer mehr?
Thomas Tuchel könnte das alles ganz entspannt verfolgen, irgendwann. Aus seinem ehrenwerten Schloss, als König von England mit dem goldenen WM-Pokal in der Wohnzimmervitrine. Viertelfinale, Halbfinale, Finale: Drei Siege bis zur Ewigkeit.
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