Hinter der Fassade der Tour de France brodelt es. Fehlende Einnahmen und eine extreme Kluft treiben den Radsport in die Krise. Marcus Hauser schlägt Alarm.
Während der Tour de France steht der Profi-Radsport weltweit im Rampenlicht. Hinter den Kulissen der Hochleistungs-Show brodelt es. Nun gibt ein Kenner der Szene Einblicke.
Im Podcast „Behind the Athletes“ kritisiert der auf Radsport spezialisierte Youtuber und Instagram-Content-Creator Marcus Hauser das Geschäftsmodell im Weltklasse-Radsport, er spricht offen von einem „kaputten System“.
Das fundamentale Problem des Profi-Bereichs liege in der extrem einseitigen Finanzierung. Im Gegensatz zu anderen Sportarten fehlten den Teams verlässliche, eigene Einnahmequellen.
„Alles ist auf der Säule der Sponsoren gebaut: Fällt der Sponsor weg, stehst du am Rande des Abgrunds“, sagt Marcus Hauser.
Rund 90 Prozent des Budgets eines durchschnittlichen Teams (im Schnitt 33 Millionen Euro) hingen direkt an Sponsorengeldern. Weil Teams im Radsport traditionell ihre gesamten Titelrechte verkauften (wie etwa „Red Bull–BORA–hansgrohe“ oder „Lidl-Trek“), würde der Abgang eines Geldgebers sofort ein existentielles Loch nach sich ziehen.
Zusätzlich verschärft sich die Situation durch rasant wachsende Budgets. Finanzstarke Individuen würden immer mehr Geld in den Markt pumpen, wodurch die Anzahl an Sponsoren, die solche Budgets überhaupt noch tragen können, immer geringer werde, sagt Hauser.
Kleinere Teams gerieten dadurch massiv ins Hintertreffen. Da die wenigen „Superteams“ de facto fast jedes Rennen gewinnen, schrumpfe die Medienpräsenz der kleineren Teams, was die Sponsorensuche für sie fast unmöglich mache.
Ein weiterer Systemfehler liegt laut Hauser im extremen Ungleichgewicht bei den Einnahmen. Die private französische Betreibergesellschaft ASO (Amaury Sport Organisation) hält mit der Tour de France ein unangefochtenes Machtmonopol. Sie organisiert zwar nur rund ein Viertel aller Radsport-Events, streicht damit aber mehr als drei Viertel aller Umsätze ein und macht jährlich rund 60 Millionen Euro Gewinn.
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„Du hast viele Einnahmen im System, aber davon fließt nichts an die Teams zurück, weil die Einnahmen an ein privates Unternehmen gehen und nicht über eine Betreibergesellschaft in einen Topf, aus dem an die Teams ausgeschüttet wird. Selbst wenn die ASO von 60 Millionen Euro Gewinn 30 Millionen Euro ausschütten würde, wären das ein bis zwei Millionen Euro pro Team – bei durchschnittlich 33 Millionen Budget macht das das Kraut nicht fett“, sagt Hauser im Podcast.
Gleichzeitig seien die offiziellen Preisgelder im Vergleich zum betriebenen Aufwand minimal. Das gesamte Siegerteam der Tour de France erhalte für den Gesamtsieg lediglich 500.000 Euro. Beim Giro d’Italia liege das Preisgeld für den Ersten bei unter 350.000 Euro, und beim geschichtsträchtigen Eintagesrennen Paris–Roubaix kämen gerade mal 30.000 Euro beim Sieger an.
Wie absurd das finanzielle Gefälle im Radsport ist, zeigt sich auch beim Blick auf die Verträge der weltweit rund 1200 Profis. Während das Mindestgehalt nach Informationen des Radsport-Creators erst seit wenigen Jahren bei mageren 44.000 Euro im Jahr liege, verdiene ein etablierter, angestellter Profi im Durchschnitt etwa 350.000 Euro.
An der Spitze des Feldes öffnet sich eine gewaltige Kluft, sagt Hauser. Nur etwa 20 Fahrer weltweit würden die Marke von zwei Millionen Euro Jahresgehalt knacken. Absoluter Spitzenreiter des Systems ist der aktuelle Tour-de-France-Führende Tadej Pogacar, dessen reines Grundgehalt – ohne zusätzliche Prämien und Sponsoring-Deals – bei stolzen 8 Millionen Euro pro Jahr liege.
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Diese Gehaltsschere spiegelt sich auch in den Team-Budgets wider. Während das durchschnittliche Budget bei 33 Millionen Euro liegen soll, bewegt sich Pogacars Team, das UAE Team Emirates, angeblich bei 50 bis 60 Millionen Euro – wobei dem Team von seinem staatlichen Hauptsponsor laut Insidern praktisch so viel Geld zur Verfügung gestellt werde, wie benötigt wird.
Wenn die Budgets ohne Limit weiterwachsen, droht dem Radsport laut Hauser eine gefährliche Sackgasse. Ohne eine finanzielle Obergrenze, wie sie die Formel 1 erfolgreich als „Budget-Cap“ eingeführt hat, sei kein nachhaltiges Wirtschaften möglich, meint er im Podcast.
„Wenn du keinen Budget-Cap hast (...) und du keine Grenze ziehst, wie viel ein Team kosten darf, dann hast du am Ende entweder nur noch Staaten, die das finanzieren; dann fährt nur noch Astana gegen Katar und so fort. Oder du hast eine riesige Kluft, bei der nur zwei, drei Teams von echten unternehmerischen Sponsoren finanziert werden.“
Am Ende, so die Warnung des Insiders, mache man sich völlig davon abhängig, dass Firmen bereit sind, „Geld zu verbrennen“, oder dass staatliche Institutionen den Radsport gezielt für „Sportswashing“ nutzen. Hinter den Kulissen wächst deshalb der Druck auf den Weltverband UCI, das System über einen Budget-Cap endlich zu retten.
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