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Segel-Star Martine Grael erklärt seltene Fähigkeit, die niemand trainieren kann

Дата публикации: 04-08-2026 07:15:00

Martine Grael erkennt den Wind nicht nur an Instrumenten, sondern durch ihren Instinkt. Ihre Fähigkeit, das Meer zu lesen, macht die SailGP-Athletin zur Spitzenseglerin.

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Martine Grael erkennt den Wind nicht nur an Instrumenten, sondern durch ihren Instinkt. Ihre Fähigkeit, das Meer zu lesen, macht die SailGP-Athletin zur Spitzenseglerin.

Der Wind hat leicht gedreht, nur minimal, vielleicht drei, vier Grad. Eigentlich viel zu wenig für das Auge und auch zu wenig für Instrumente, die erst ein paar Sekunden später reagieren. Aber Martine Grael hat den Wind bemerkt.

Denn Martine schaut nicht auf Anzeigen, ihre Augen wandern über das Wasser, über feine Schattierungen auf der Oberfläche, über kleine Linien an den Wellen. Für einen kurzen Moment sieht sie etwas, das andere nicht sehen, das ist ihr Vorteil.

Martines Fähigkeit lässt sich kaum trainieren

„Ich versuche, den Wind an den verschiedenen Schattierungen auf der Wasseroberfläche zu erkennen“, sagte die Brasilianerin letzten Sommer in einem Podcast und verriet dann: „Je schwächer der Wind wird, desto entscheidender wird die Strömung.“

Martines Fähigkeit ist eine, die sich kaum trainieren lässt. Man hat sie, oder man sie nicht. Martine liest das Meer, wie andere Menschen ein Gesicht lesen. Es sind ihre Instinkte, das Gefühl für den Moment und natürlich auch viel Erfahrung.

Martine Grael (l.) steuert das brasilianische Boot bei der ROLEX SailGP Championship

Martine Grael (l.), Markenbotschafterin von Rolex, steuert das brasilianische Boot beim SailGP ROLEX

Jede Windböe, jede Welle und jede kleine Veränderung der Wasseroberfläche erzählt ihr eine Geschichte darüber, was als Nächstes passieren wird. Wahrscheinlich ist genau das der Grund, warum Martine Grael eine der besten Seglerinnen ihrer Generation geworden ist.

Martine versteht: Auf dem Wasser gewinnt selten derjenige mit der größten Kraft

Denn was Martine, die mit nur 25 Jahren in Rio ihre erste Olympische Goldmedaille und fünf Jahre später in Tokio ihre zweite gewann, vielleicht einen Ticken besser versteht als so mancher Konkurrent: Auf dem Meer gewinnt selten derjenige mit der größten Kraft. Es gewinnt derjenige, der den Widerstand am besten versteht.

Und alles, was Martine auf dem Meer liest, ist Widerstand: Wind ist Widerstand, Wellen sind es, Strömungen auch. Und manchmal auch die eigenen Fehler. „Auch heute scheitern wir noch. Entscheidend ist aber, dass wir uns davon nicht aufhalten lassen. Konzentriere dich auf den nächsten Schritt und mache ihn gut“, sagt sie.

„In meinen besten Rennen habe ich das Feld aufgerollt“

Das ist deswegen interessant, weil man von einer mehrfachen Olympiasiegerin, die allein schon wegen ihres großen familiären Segelbezugs (etliche ihrer Familienmitglieder segelten schon auf Weltklasseniveau) erwarten würde, dass sie vor allem über ihre Siege und Stärken spricht. Aber nein: Martine tickt anders, sie kennt Schwächen und Niederlagen, und geht offen damit um.

Martine Grael (l.) hat das Kommando auf ihrem Katamaran

Martine Grael (l.) hat das Kommando auf ihrem Katamaran ROLEX

„Segeln bedeutet oft, Fehler zu machen und sich davon zu erholen. Einige meiner besten Rennen waren nicht die, die ich gewonnen habe, sondern diejenigen, bei denen ich nach einem schlechten Start das Feld wieder von hinten aufgerollt habe.“

Das ist so ein Satz, der viel über Martine Grael sagt. Während andere versuchen, Fehler zu vermeiden, trainiert sie was ganz anderes: und zwar die Fähigkeit, von Fehlern wieder zurückzukommen und sich von Widerständen bloß nicht aus der Bahn werfen zu lassen.

Belastung besteht darin, nach Stunden im Sturm noch klar zu denken

Wer nach einem Beispiel für ihren Ansatz sucht, der muss nicht lange suchen, bevor er beim Ocean Race landet. Ein ganz anderes Format als die Rolex SailGP Championship. Tausende Seemeilen auf dem offenen Ozean. 2017 zeigte Martine dort ihr Können, in dem Jahr wurde sie Weltseglerin des Jahres. Schlaf gab es nur in kurzen Etappen, die Kälte saß tief in den Knochen, die Boote schlugen unaufhörlich gegen die Wellen.

Das brasilianische Team beim Rennen in Sydney

Das brasilianische Team beim Rennen in Sydney ROLEX

„Schlafmangel. Körperliche Erschöpfung. Unser Boot krachte über lange Zeit wie ein mechanischer Bulle durch die Wellen“, erinnert sich Grael und sagt, Belastung ist oft nicht körperlich: Sie besteht mehr darin, auch nach Stunden im Sturm noch klar zu denken. Immer weiter den Wind zu lesen, immer weiter die Strömung zu verstehen, immer weiter richtige Schlüsse zu ziehen.

Für Martine wertvoller als jeder Pokal: Vertrauen

„Erst unter schwierigen Bedingungen erkennt man, wie gut ein Team wirklich ist“, sagte Martine letztes Jahr dem SailGP Media Hub. Und dann diese Erkenntnis: Nach den ersten Starkwind-Regatten ihrer Premierensaison als Fahrerin des brasilianischen SailGP-Teams habe ihre Crew ihr etwas Wertvolleres gegeben als jeden Pokal: Vertrauen.

Sätze, die verdeutlichen, was Martine so besonders macht. Und die erklären, wieso selbst eine Segel-Ikone wie Russell Coutts, fünffacher America's-Cup-Sieger und Mitgründer der Rennserie, über sie sagt: Ein „außergewöhnliches Talent“, sie habe „bewiesen, dass sie auf höchstem Niveau bestehen kann“.

Besonderes Talent, enormes Gespür, große Widerstandsfähigkeit. Das ist Martine Grael. Und da ist noch ein bisschen mehr. 2018 verlor die Segelwelt während des Ocean Race den Briten John Fisher, der nach einem Sturz über Bord nicht gerettet werden konnte. Es war ein Moment, der allen Beteiligten vor Augen führte, dass sich das Meer niemals beherrschen lässt. „Nichts wird unseren Freund zurückbringen. Man muss all die Elemente und das Meer respektieren“, sagte Martine damals nach der traurigen Nachricht.

Vielleicht liegt ja genau darin eine Erklärung für das Geheimnis ihrer Karriere: Sie versucht gar nicht erst, äußere Widerstand zu brechen. Sondern: Sie spürt, versteht und nutzt sie.

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