Die Qual der Wahl: Klassisches Jura kann man an über 40 rechtswissenschaftlichen Fakultäten in Deutschland studieren. Macht es für die spätere Karriere als Jurist einen Unterschied, an welcher Universität man seinen Abschluss erworben hat?
von Sabine Olschner3. August 2026, Lesedauer: 4 Minuten
Die Qual der Wahl: Klassisches Jura kann man an über 40 rechtswissenschaftlichen Fakultäten in Deutschland studieren. Macht es für die spätere Karriere als Jurist einen Unterschied, an welcher Universität man seinen Abschluss erworben hat?
Hamburg, München, Saarbrücken, Bonn und viele weitere Städte: Wer Jura studieren will, hat in Deutschland die Qual der Wahl (Tipps zu jeder Hochschule gibt's in unserem LTO Uni Guide). Jedes Bundesland hat mindestens eine Universität mit einer juristischen Fakultät, in großen Bundesländern wie Bayern oder Nordrhein-Westfalen sind es gleich mehrere. So manch ein Studieneinsteiger überlegt, strategisch vorzugehen und schon früh die Karriereweichen zu stellen, indem er die "richtige" Universität wählt. Aber gibt es überhaupt ein "Richtig" oder "Falsch"?
"Für uns ist die Universität, von der der Bewerber oder die Bewerberin kommt, nur ein kleines Puzzleteil im Rahmen des Auswahlprozesses", sagt Ulrike Lehbrink, HR-Leiterin bei der internationalen Wirtschaftskanzlei Noerr. Sie achtet bei der Auswahl vielmehr auf die Persönlichkeit: Kann der Kandidat fachlich überzeugen? Ist er bereit, sich langfristig weiterzuentwickeln? Bringt er Resilienz und Durchhaltevermögen mit? Auch die Note spielt eine entscheidende Rolle: Die Kanzlei erwartet mindestens ein "Vollbefriedigend" bei ihren Bewerbern. "Eine gute Note ist für uns ein Zeichen, dass der Jurist oder die Juristin das Handwerk besonders gut beherrscht", erklärt Lehbrink. "Aber an welcher Universität er oder sie sich das juristische Wissen angeeignet hat, ist für uns zweitrangig." Entsprechend engagiert sich die Kanzlei mit Niederlassungen in ganz Deutschland auf Hochschulmessen im gesamten Bundesgebiet.
So kennt es Ute Ritzer auch von anderen Kanzleien. Sie ist Inhaberin der Altkoenig Personalberatung, die sich auf die Rekrutierung von Rechtsanwälten und Unternehmensjuristen spezialisiert hat. "Ich sehe bei den meisten unserer Mandanten keine Tendenz, die eine oder andere Universität zu bevorzugen", sagt die Personalberaterin. "Oft können sie sich das auch gar nicht mehr leisten, weil es ohnehin zu wenige hochqualifizierte Juristen auf dem Markt gibt."
Alteingesessene Universitäten wie Heidelberg, Köln, Würzburg oder Münster haben aus Tradition eine namhafte Reputation. Andere stechen hervor, weil sie besondere Zusatzqualifikationen anbieten: In Bayreuth zum Beispiel können Studierende neben Jura parallel ein Wirtschaftsstudium absolvieren. "Das ist auch für uns als Wirtschaftskanzlei eine spannende Kombination, weil die Kandidaten ein tiefes Verständnis für wirtschaftliche Zusammenhänge mitbringen", sagt Lehbrink. Wer in Passau Jura studiert, hat durch internationale Partnerschaften besonders viele Gelegenheiten, ins Ausland zu gehen, was für international agierende Kanzleien interessant ist.
"Stallgeruch" spielt also allenfalls beim ersten Blick eine Rolle: "Wenn jemand an der gleichen Universität studiert hat wie der Partner einer Kanzlei, erregt das schon Aufmerksamkeit", sagt Ritzer. Sie kennt allerdings nur wenige, die Bewerber bevorzugen, nur weil sie an der gleichen Fakultät wie der Personalentscheider ihren Abschluss gemacht haben.
Bei akademischen Stationen sieht es schon anders aus"Nicht unterschätzt werden sollte aber die Bedeutung konkreter akademischer Stationen", erklärt Pascal Alami, Head of Talent Management bei Legalhead, einer Job-Matching-Plattform für den juristischen Bereich. "Wer an einem renommierten Lehrstuhl wissenschaftlich gearbeitet, dort promoviert oder sich fachlich sichtbar spezialisiert hat, kann damit gerade bei akademisch geprägten Kanzleien oder in spezialisierten Rechtsgebieten punkten." In Kanzleien, die einen hohen Anspruch an akademischer Exzellenz haben, kann es vorkommen, dass sich ein Partner besonders mit einem bestimmten Lehrstuhl identifizieren kann und es so die Entscheidung begünstigt, so Alamis Beobachtung. "Das ist jedoch eher die Ausnahme."
Die Universität der Bewerber fragt die Job-Plattform bei der Registrierung deshalb auch gar nicht ab: Für das Matching sind in der Praxis vor allem die juristische Qualifikation, Examensnoten, einschlägige Erfahrung, Rechtsgebietsinteressen, Zusatzqualifikationen und Standortpräferenzen relevant. Die Universität kann sich zwar später aus dem Lebenslauf ergeben, der dem Profil beigefügt wird. Dieser ist im ersten Schritt jedoch anonymisiert beziehungsweise erst nach beidseitigem Interesse einsehbar.
"Wenn Talente Universitäten proaktiv hervorheben, geschieht das häufig eher bei internationalen Stationen, etwa im Zusammenhang mit einem LL.M. oder einem Auslandsstudium", sagt Alami. "Die deutsche Universität, an der das Staatsexamensstudium absolviert wurde, steht dagegen im Vermittlungsalltag selten im Vordergrund."
Wonach man eine Uni stattdessen aussuchen sollteWegen der Karriereaussichten lohnt es sich also offenbar nicht, eine bestimmte Universität für sein Jurastudium auszuwählen. Laut den Expertinnen sollten dabei vielmehr andere Aspekte bedacht werden: "Aus meiner Sicht ist es das Wichtigste, dass ein Student sich an der gewählten Universität wohlfühlt", betont Ritzer. "Denn wer mit seinem Studium zufrieden ist, macht automatisch einen besseren Abschluss."
Dem stimmt Lehbrink zu: "Man sollte die Universität wählen, an der man sich am besten persönlich und fachlich entfalten kann." In Anbetracht der rasanten technologischen Entwicklung empfiehlt sie, auch darauf zu achten, ob es unter Umständen Angebote gibt, sich zu künstlicher Intelligenz oder Legal Tech weiterzubilden. Bisher hat allerdings kaum eine Universität dieses Thema im Blick.
Alami rät, bei der Auswahl der Universität auf Schwerpunktbereiche, Examensvorbereitung, Betreuungsangebote, Studienbedingungen, Lebenshaltungskosten, persönliche Belastung, Netzwerk und Praktikumsmöglichkeiten zu achten. "Ein Wechsel zu einer anderen Universität kann sinnvoll sein, wenn er fachlich gut begründet ist, etwa wegen eines bestimmten Schwerpunktbereichs, besserer Studienbedingungen oder persönlicher Gründe", sagt er. "Nur wegen des Namens einer Universität zu wechseln, halte ich dagegen für wenig zielführend."
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