Die Stammesföderation manövriert mit knallhartem Pragmatismus durch die grösste Krise seit der Staatsgründung. Ob das Geschäftsmodell der Vereinigten Arabischen Emirate den Iran-Krieg überlebt, wird sich aber erst noch zeigen.
Die Stammesföderation manövriert mit knallhartem Pragmatismus durch die grösste Krise seit der Staatsgründung. Ob das Geschäftsmodell der Vereinigten Arabischen Emirate den Iran-Krieg überlebt, wird sich aber erst noch zeigen.

Amr Alfiky / Reuters
«Natürlich denke ich darüber nach, wegzugehen», sagt der italienische Tech-Unternehmer bei Focaccia und Bier im Ausgehviertel von Dubai, unweit der künstlich aufgeschütteten Palmeninsel Jumeirah. «Im Moment sieht es nicht gut aus – als schwebe eine dunkle Wolke über allem.»
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Schon seit zwölf Jahren lebt der 40-Jährige in der Glitzermetropole am Golf und hat in dieser Zeit mehrere erfolgreiche «Ventures» an den Markt gebracht. Doch vielleicht seien die guten Zeiten in der Handelsstadt vorbei, meint der Geschäftsmann. Der Grund dafür: Keiner wisse, wie es weitergehe in den Vereinigten Arabischen Emiraten (VAE). «Schon vor dem Krieg war es schwierig, hier Investoren zu finden», sagt der Italiener. «Jetzt kannst du es komplett vergessen.»
Dubai – das war jahrelang mehr als eine Stadt, die für Luxus, Business und Wolkenkratzer steht. Dubai ist ein Versprechen: eine Insel der Ruhe und Stabilität in einer Region, die von Milizen, zerfallenden Staaten und religiösem Extremismus geprägt ist. In Dubai herrscht stromlinienförmige Effizienz, aber ganz sicher kein Krieg.
Zwar wurden die Emirate im jüngsten Schlagabtausch zwischen Washington und Teheran bisher verschont. Doch jede Rakete, die über den Persischen Golf fliegt, ist ein weiterer kleiner Riss in der spiegelglatten Fassade der VAE. Es ist die grösste Krise des Landes, seitdem sich 1971 die sechs Emirate zu einem Staat zusammengeschlossen haben. Um den Schaden zu begrenzen, strecken die VAE Israel und Iran gleichzeitig die Hand aus.
Israel war ein Helfer in der NotIn der Hauptstadt Abu Dhabi kursiert die Geschichte über die Weltkarte mit den verschiedenfarbigen Pins. Diese befindet sich laut Diplomatenkreisen an einer Wand im Aussenministerium. Nach dem Kriegsausbruch sollen die Chefdiplomaten der VAE dort markiert haben, welche Länder im Ernstfall zu ihnen gehalten haben und welche nicht. Weit oben auf der Liste der freundlichen Staaten steht Israel.
Als der Krieg begann, schickte der jüdische Staat umgehend mindestens eine Iron-Dome-Batterie nach Abu Dhabi sowie Soldaten, die den Emiraten erklärten, wie das Flugabwehrsystem funktioniert. Dies berichten zwei hochrangige Diplomaten unabhängig voneinander. Die VAE sollen bei anderen Staaten nach Unterstützung gefragt haben, die allerdings abgelehnt hätten. Israel hingegen hat in der Not sofort geholfen.
Vor fast sechs Jahren schlossen die VAE Frieden mit dem jüdischen Staat – weshalb Iran die Emirate besonders heftig attackiert hatte. Doch was mit dem sogenannten Abraham-Abkommen begann, hat sich zu einer strategischen Allianz entwickelt. Vor allem im wichtigen Sicherheitsbereich sind die Bande mit Israel sehr viel enger geworden.
Israel nutzt die Gunst der Stunde und stockt seine Botschaft in einem der vielen futuristischen Wolkenkratzer von Abu Dhabi massiv auf. Bald soll ein Militärattaché eintreffen. Doch gehe der intensivere Austausch über den Bereich Sicherheit hinaus, sagen israelische Regierungsvertreter. Künftig sollen doppelt so viele Personen in der Vertretung des jüdischen Staates in den VAE arbeiten. Insgesamt seien die Beziehungen mit dem Golfstaat «ausgezeichnet», heisst es in Israels Botschaft.
Sogar Israels Ministerpräsident Benjamin Netanyahu reiste zu Beginn des Kriegs in die Emirate, wie ein europäischer Diplomat bestätigt. Israelische Medien machten die Visite damals publik, während die VAE umgehend abstritten, dass Netanyahu für einen Staatsbesuch gekommen sei.
Eine Speisekarte für IranFür Mohammed Baharoon zeigt diese Geheimniskrämerei, wie unsinnig das Gerede von einer neuen Achse Abu Dhabi–Jerusalem sei. «Wenn unsere Beziehungen so stark wären wie immer behauptet, warum musste Netanyahus Visite dann geheim gehalten werden, und weshalb haben die VAE bestritten, dass er überhaupt hier war?», fragt der Direktor der Denkfabrik für Aussenpolitik B’huth.

PD
«Die Beziehungen könnten stärker sein, wenn Israel sich für Stabilität und Frieden in der Region einsetzt», sagt Baharoon. «Leider tut diese israelische Regierung das Gegenteil.» In den VAE weiss man, dass die Ära Netanyahu irgendwann ein Ende findet. Der gegenwärtige israelische Ministerpräsident mag ein rotes Tuch in Abu Dhabi sein. Grundsätzlich setzen die Emirate allerdings darauf, dass der jüdische Staat ein integraler Teil ihrer Sicherheitsarchitektur im Nahen Osten bleibt.
Genau wie Israel weiterhin eine geopolitische Schlüsselrolle in der Region spielen dürfte, wird das iranische Regime vorerst ebenso wenig verschwinden. Auch das haben die Herrscher in Abu Dhabi und Dubai verstanden – und gehen daher auf Teheran zu.
Schon seit einigen Wochen herrscht ein reger Schiffsverkehr zwischen den Häfen der VAE und der südiranischen Stadt Bandar Abbas. Die Strasse von Hormuz ist in diese Richtung offenbar frei passierbar. Auch verkehren Flüge zwischen Iran und den Emiraten, es tummeln sich immer noch Iranerinnen und Iraner in der Dubai Mall oder den luxuriösen Hotelbars der Stadt. Mit dem neuen starken Mann in Teheran, Mohammed Bagher Ghalibaf, sollen die VAE einen Verhandlungskanal unterhalten.
Aus Diplomatenkreisen ist zu hören, dass die VAE dringend benötigte Medikamente nach Iran geliefert haben. Der Handel, die Flugverbindungen, die Medikamentenlieferungen: All das dürfte dazu beigetragen haben, dass Teheran Dubai und Abu Dhabi in letzter Zeit verschont hat.
«Wir bieten den Iranern eine Speisekarte an – aus der sie auswählen können», sagt Mohammed Baharoon. «Es liegt an ihnen, ob sie von der Weltwirtschaft profitieren oder die Infrastruktur der Globalisierung zerstören wollen.»
Um das Geschäftsmodell zu retten, das den Emiraten in kürzester Zeit schier unermesslichen Reichtum beschert hat, besinnen sich die Herrscher auf ihre ursprüngliche Erfolgsformel zurück: knallharter Pragmatismus, keine sinnlosen Rachefeldzüge und Rückversicherungen in alle Richtungen.

Katarina Premfors / The Washington Post / Getty
Die VAE haben ihren ersten Test überstanden. In der Dubai Mall drängen sich zwischen den Boutiquen von Gucci und Prada weiterhin Menschen aus aller Welt, und bisher gab es noch keine Massenabwanderungen der Millionen von Gastarbeitern, die das Land am Laufen halten.
Im Gegensatz zu anderen Golfstaaten können die Emirate wenigstens etwas Öl über den östlichen Hafen von Fujeirah an der Strasse von Hormuz vorbei verschiffen. Obwohl die Erdölproduktion im März und April um mehr als 30 Prozent im Vergleich zum Vorjahr eingebrochen ist, prognostiziert die Zentralbank der VAE ein reales Wirtschaftswachstum von 1,6 Prozent für dieses Jahr – auch wegen der relativ weit vorangeschrittenen Diversifizierung der Petrowirtschaft. Zwar wäre das ein schwerer Rückgang im Vergleich zu den 6,2 Prozent Zuwachs im Jahr 2025, doch bleibt es gegenüber den Wirtschaftsdaten anderer Golfstaaten ein guter Wert.
Das Gefühl der Genugtuung projizieren die Herrscher der Stammesföderation im ganzen Land. Überall in Dubai oder Abu Dhabi schaut gütig Präsident Mohammed bin Zayed von riesigen Plakaten auf die Hochhausschluchten hinab. Unter seinem wachsamen Blick steht «Stolz auf die VAE» geschrieben.
Doch die wirklich entscheidende Phase steht dem Kleinstaat noch bevor: Werden die Touristen zur Hauptsaison im Herbst und im Winter zurückkehren? Werden die Expats ihre Kinder auch im nächsten Schuljahr in den VAE zur Schule schicken? Und am wichtigsten: Ist der Krieg wirklich endgültig vorbei?
Mohammed Baharoon geht derzeit davon aus, dass die Hardliner in Teheran die Oberhand haben. Der jüngste, nicht provozierte Angriff der Iraner auf eine amerikanische Militärbasis in Jordanien zeige, dass Iran an einer Lösung nicht interessiert sei. «Es dürfte erst noch schlimmer werden, bevor es besser wird.» Eins steht jedoch fest: Die Glitzerwelt der Emirate steht noch – obwohl sich die dunkle Wolke von der anderen Seite des Persischen Golfs mit voller Kraft entladen hat.
In einer vollgepackten Bar im Untergeschoss eines Fünfsternehotels in Abu Dhabi sitzt Joseph vor seinem zweiten Bier. Der Barkeeper aus den Philippinen hat heute seinen freien Tag. Seit 16 Jahren arbeitet er schon in den Emiraten, seine Heimat hat er das letzte Mal vor der Covid-Pandemie besucht, im Jahr 2019. So gutes Geld wie zuerst in Dubai und jetzt in Abu Dhabi hätte er zu Hause niemals verdienen können. Ans Weggehen denkt Joseph nicht.
Aus den Boxen wummert der Song «Hit the Road, Jack», der Barmanager gibt eine Runde Shots für alle aus. Um Joseph herum tummeln sich Russen, Inder und Briten am Tresen. Der Filipino lächelt. «Wo gibt es das sonst?», fragt er. «Die VAE bleiben das beste Land.» Die Party geht bis tief in die Nacht weiter. Wie lange den Herrschern der Emirate noch zum Feiern zumute ist, wird sich zeigen. Bisher haben sie mit ihrem Spagat zwischen Israel und Iran die wirtschaftliche Kernschmelze abgewendet. Die vergangenen Monate und Jahre haben jedoch gezeigt: Im Nahen Osten ist keine Gewissheit von Dauer.
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