Was die Begriffe bedeuten, warum sie unterschiedlich verwendet werden und welche historischen Entwicklungen die Lausitzer Slawen geprägt haben.
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Vorwort
Seit Jahrhunderten lebt ein kleines slawisches Volk unter, neben und mit den Deutschen. Es unterscheidet sich bis heute von den Deutschen durch eine eigene Sprache, eigene Sitten, Bräuche und Traditionen sowie eine eigene Hymne und Fahne.
Vor allem die Industrialisierung sowie juristische und politische Restriktionen bewirkten, dass die slawische Mehrheitsbevölkerung in ihrem Siedlungsgebiet im Verlaufe der Zeiten zu einer ethnischen Minderheit wurde.
Mit allen deutschen „Obrigkeiten“ gab es mal mehr, mal weniger heftige Differenzen. Dabei passte sich das Verhalten vieler Lausitzer Slawen an die Verhältnisse an, ohne dass sie ihre slawische Identität vollständig aufgaben. Andererseits gab es stets Gruppen und Persönlichkeiten, die sich dafür engagierten, über die eigenen Angelegenheiten, Rechte und Interessen selbst bestimmen zu können.
Wesentliche Momente dieses Ringens aus den letzten knapp 200 Jahren sollen hier nachgezeichnet werden.
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Zwei Lausitzen? Ja! Zwei slawische Völker? Nein! Hinter diesen eindeutigen Aussagen verbirgt sich für viele Slawen, vor allem in der Niederlausitz, ein heißes Eisen. Unsachgemäßer Umgang kann zu Verbrennungen führen. Nicht nur jeder Schmied weiß: Will man ein heißes Eisen schmieden, muss man es sachgerecht behandeln.
Will man dieses Bild für politische Themen nutzen, dann heißt sachgerecht behandeln dreierlei: Es gibt keine einfachen Sätze. Man muss ohne Emotionen urteilen. Man muss präzise fragen, was ist und wie es so geworden ist.
Meine Ausgangsthese: Selbstverständlich gibt es Unterschiede zwischen der Nieder- und der Oberlausitz. Vergleicht man beide, erkennt man – wie bei jedem korrekten Vergleich – Unterschiede ebenso wie Gemeinsamkeiten.
Zuerst fällt Geografisches ins Auge. Die Niederlausitz ist Teil der Ebenen des norddeutschen Tieflands. Ihr höchster Berg, der 227 Meter hohe Rückenberg, liegt schon im polnischen Teil der Niederlausitz und heißt dort Góra Żarska. Die Oberlausitz ist geprägt durch weitverbreitetes Granitmassiv und im südlichen Teil durch Umgebindehäuser mit ihrem Fachwerk und den Schindeldächern sowie eine markante Berglandschaft, z.B. Čornobóh (Czorneboh) und Běłobóh (Bieleboh) im Bautzener Umland, den Mnišonc (Mönchswalder) in der Nähe von Wilthen (alle um die 500 Meter über dem Meeresspiegel) oder die Łysa (Lausche), auf deren fast 800 Meter hohen Kamm die deutsch-tschechische Grenze verläuft.
Es gibt deutliche Unterschiede, aber auch SchnittmengenUnterschiede und Gemeinsamkeiten gibt es in den Sitten und Bräuchen. Das Osterfest wird in beiden Lausitzen umfassend gefeiert. Wohl in beiden Lausitzen lebt noch der Brauch des Osterwassers. Vor Sonnenaufgang tragen junge Frauen am Ostersonntag schweigend Wasser aus einem Fluss nach Hause. In der Niederlausitz lebt die Tradition des Osterfeuers. In der Oberlausitz ist eher das Hexenfeuer zur Walpurgisnacht typisch. In der Niederlausitz feiert man zur Fastnachtszeit das Zampern, um böse Geister und Dämonen mit Lärm, Musik und Tanz zu vertreiben.
In der Oberlausitz ist das Osterreiten in der Gegend um Ostritz eine lebendige Tradition, um am Ostersonntag die Auferstehung Christi zu verkünden. Dem dient auch der schöne, fast schon ausgestorbene Brauch des Ostersingens, bei dem junge Frauen in der Nacht zum Ostersonntag singend durch die Dörfer ziehen.
Typisch für beide Lausitzen sind Trachten. Sie gehören seit Jahrhunderten zur slawisch-kulturellen Identität. Gleichwohl sind sie sehr unterschiedlich und vielfältig. Sie unterscheiden sich nach Stoff, Zuschnitt, Farben und Schmuck zwischen beiden Lausitzen, zwischen katholischen und evangelischen Sorbinnen, aber variieren auch von Dorf zu Dorf sowie nach dem konkreten Anlass, sie zu tragen.
Die Unesco anerkennt Niedersorbisch und Obersorbisch als Minderheitensprachen an. Das Niedersorbische hat hörbare Ähnlichkeiten mit der polnischen, das Obersorbische eher mit der tschechischen Sprache. Dennoch verstehen sich die Lausitzer Slawen nicht problemlos mit Polen bzw. Tschechen. Wohl aber verstehen die Lausitzer Slawen des einen Teils sich sprachlich mit jenen aus dem anderen Teil. Es gibt deutliche Unterschiede, aber auch erhebliche Schnittmengen.
Interessante Frühformen der SelbstverwaltungSehr hilfreich fürs sachgerechte Anfassen des heißen Eisens ist ein Blick in die Historie. Vor Jahrhunderten lebte in dem Gebiet, das wir heute Niederlausitz nennen, der westslawische Stamm der Lusitzer. In der jetzigen Oberlausitz lebte zur gleichen Zeit ein anderer westslawischer Stamm, die Milzener. Sie praktizierten interessante Frühformen der Selbstverwaltung und Selbstbestimmung. Es gab einen Ältestenrat, der die lokalen Dinge entschied, und eine Stammesverfassung (Štěmjo). Man lebte naturverbunden mit „Mutter Erde“ von Ackerbau, Viehzucht und Jagd.
Mit der deutschen Ostexpansion begann die Knechtung slawischer Stämme. Heinrich I. machte 932 die Lusitzer und die Milzener tributpflichtig. In einem ziemlich kontinuierlichen Prozess verloren die Lausitzer Slawen ihre Unabhängigkeit und Selbständigkeit. Über die Jahrhunderte wechselten deutsche, polnische und böhmische Macht und Kontrolle über die Lausitzer Slawen. Eingewanderte deutsche Handwerker und Landwirte sorgten später für fortschreitende Assimilation. Verbote der sorbischen Sprache und andere repressive Maßnahmen deutscher Obrigkeiten begleiteten diese Entwicklung.
Das sorbische Museum auf der Ortenburg in Bautzen
© Steffen Unger/Imago
Die 1517 von Martin Luther ausgelöste Reformation hatte für die Lausitzer Slawen widersprüchliche Folgen. Einerseits steht sie am Beginn des sorbischen Schrifttums. Im Gottesdienst trat die sorbische Muttersprache an die Stelle der lateinischen Messe. Das stärkte nationales Selbstbewusstsein. Andererseits kam es wegen der Herrschaft der katholischen Habsburger über große Teile beider Lausitzen zur religiösen Spaltung des sorbischen Volkes. Dadurch wurde die gemeinsame Abwehr des ständigen Germanisierungsdrucks geschwächt.
Der Dreißigjährige Krieg dezimierte nicht nur die sorbische Bevölkerung in beiden Lausitzen und hemmte nachhaltig ihre kulturell-sprachliche und politisch-wirtschaftliche Selbstbestimmung. Er zog die Lausitzer Slawen auch in den Strudel der politischen Auseinandersetzung um die Zukunft Europas.
Teil dieses Krieges war der Konflikt zwischen katholischen und protestantischen Monarchen, konkret Kaiser Ferdinand II. und Kurfürst Maximilian I. von Bayern auf der einen und Kurfürst Johann Georg I. von Sachsen als Vertreter der Reichsstände auf der anderen Seite. Am 30. Mai 1635 schlossen beide Seiten den sogenannten Prager Frieden. Der für die Zukunft der Lausitzer Slawen wichtigste Teil dieses Vertrages war der sogenannte Traditionsrezess. Er regelte die Übergabe der Ober- und der Niederlausitz an den sächsischen Kurfürsten sowie das Nebeneinanderbestehen beider christlicher Konfessionen in der Oberlausitz.
Das stete Ringen um kulturelle IdentitätDiese Situation blieb in ihrem Kern über etwa acht Generationen hinweg bestehen. Erst 1815 vollzog der Wiener Kongress eine erneut einschneidende Zäsur für die Lausitzer Slawen. Unter Leitung von Graf Metternich (1773–1859) fand nach der Niederlage Napoleons monatelang eine Art „diplomatischer Ringkampf“ unter den Fürsten Europas um Territorien und Menschen statt. Preußens Österreich und Russlands schlossen – sozusagen von oben – eine „Heilige Allianz“, um revolutionäre Ideen von unten abzuwehren.
Preußen wollte ganz Sachsen vereinnahmen, musste sich aber mit einem Teil davon begnügen. Sachsen verlor ungefähr zwei Drittel seines Territoriums und knapp die Hälfte seiner Bevölkerung aus den nördlichen und östlichen Gebieten. Viele sahen das damals als eine Art Strafe für das Bündnis zwischen Sachsen und Frankreich an. Die neue Grenze zerschnitt Sachsen willkürlich von Nordwesten nach Südosten, zum Nachteil der Sorben und zum Vorteil für die Deutschen.
Die widersprüchlichen Seiten dieser Teilung der Lausitzen vor mehr als 200 Jahren sind bis heute im Leben der letzten acht Generationen der Lausitzer Slawen, dem Ringen um die Bewahrung ihrer historischen und kulturellen Identität spürbar.
Das wendische Museum in der Mühlenstraße in Cottbus
© Schöning/Imago
In der nördlichen Oberlausitz und der ganzen Niederlausitz bestimmte der preußische Staat – seine straff organisierte Verwaltung, eine den Alltag dominierende Mischung aus Tüchtigkeit, Disziplin, Ordnungssinn, (blindem) Gehorsam und Unterordnung – das Leben der Untertanen und drängte viele Lausitzer Slawen zur Anpassung.
Sorbisches Selbstbewusstsein zu entwickeln, war hier ungleich schwieriger als in dem zu Sachsen gehörenden Teil der Oberlausitz, wo die Regierung mehr Toleranz walten ließ. Hier waren mit der ersten Verfassung vom September 1831 bürgerliche Freiheiten fixiert. Die Städte erhielten eine weitgehende Selbstverwaltung. Die Bauern wurden von Feudallasten befreit. Das ständische Herrschaftssystem wurde nach und nach durch Institutionen des Staates ersetzt. Die 1835 gebildete Kreishauptmannschaft Bautzen umfasste vollständig die sächsische Oberlausitz. Sachsen und Preußen erlebten einen starken industriellen Aufschwung. Viele Sorben wurden dadurch erbarmungslos von Grund und Boden vertrieben.
Die Bewahrung sorbischer Kultur und Identität wurde zu einem schwierigen Balanceakt. In Preußen mehr als in Sachsen standen die Streiter für bessere Rechte unter dauerhaftem Germanisierungsdruck. Mehrheitlich in Preußen, aber auch in Sachsen gab es Lausitzer Slawen, die sich wenig (oder auch gar nicht mehr) um ihre Muttersprache kümmerten und fremde Sitten, Gewohnheiten und Sprache annahmen. Es bildeten sich bis heute lebendige Fraktionen unter den Lausitzer Slawen. Die eine betonte eher die preußische Lebensart, das preußische Erbe, und hob sich bewusst von der sächsischen Oberlausitz ab. Die andere betonte dagegen mehr die Gemeinsamkeiten vor dem Willkürakt des Wiener Kongresses.
Auf deutscher Seite existierte seit der Ostexpansion im 10. Jahrhundert eine latente Geringschätzung der Lausitzer Slawen. Sie standen als Hörige und Untertanen auf der untersten Stufe der sozialen Hierarchie. Sächsische und preußische Obrigkeiten drängten, wenngleich teilweise mit unterschiedlichen Mitteln, auf das Verlöschen der sorbischen Sprache und des sorbischen Volkes. Beharrlich und vielgestaltig wurde ein soziales Klima geschaffen, in dem die Norm galt: „Deutsch ist gut, Sorbisch ist schlecht“.
Ein Begriff, welcher der Entwürdigung dienteEin zentrales Instrument der deutschen Obrigkeiten und ihrer Helfer war dabei das Wort „Wenden“. Es gibt seriöse Studien, die darauf verweisen, dass verschiedene römische Historiker ihnen unbekannte Stämme im Norden (von der Adria über die Karpaten bis zur Ostsee und dem Baltikum) „Veneti“ nannten und sich daraus das Wort „Wenden“ im Deutschen entwickelte. Als deutsche Bezeichnung für die sowohl in der Nieder- als auch in der Oberlausitz siedelnden Slawen gilt der Ausdruck Wenden jedoch zum einen als sachlich unzutreffend. Zum anderen und vor allem wird er jedoch von nicht wenigen Lausitzer Slawen und politisch hellsichtigen Deutschen abgelehnt, weil mit ihm stets und nur Abwertung und Geringschätzung verbunden waren. Die sorbisch-deutsche Geschichte belegt, dass die Bezeichnung „Wende“ sowohl der Spaltung der Lausitzer Slawen als auch ihrer Diskriminierung und Entwürdigung diente.
In den bisherigen Teilen dieser Serie wurden zahlreiche für die anhaltende Entrechtung der Lausitzer Slawen Verantwortliche genannt. Sie alle, Hartmann und Haase, Meissner, Wagner, Kötzschke, Sievert, Oberländer, Claß, Laubert, Steller und Himmler bezeichneten alle Slawen in beiden Lausitzen konsequent als Wenden. Sie stehen hier pars pro toto.
Meine Großmutter, Else Skala, geboren zu Zeiten Kaiser Wilhelm II., geheiratet und Mutter in der Weimarer Republik, in der Nazizeit fest an der Seite ihres verfolgten Mannes Jan, erklärte mir zu DDR-Zeiten, dass etwa seit 1950, dem Jahr meiner Einschulung in die sorbische Grundschule am Bautzener Reichenturm, das Wort „Wenden“ nur von Deutschen und stets erniedrigend und abfällig benutzt worden sei. „Wend’sche Hanka“ sei eine herabwürdigende und böswillige Bezeichnung für sorbische Frauen, die in Haushalten deutscher Familien arbeiteten. „Wendei“ war ein seit Kaiserzeiten üblicher Name für das sorbische Siedlungsgebiet. Die 1920 gegründete deutsche Behörde zur Bespitzelung und Bekämpfung der Sorben in beiden Lausitzen hieß „Wendenabteilung“. Meist endeten solche Gespräche mit Omas Hinweis, ihr Mann habe die Verwendung dieses Wortes durchweg abgelehnt. Und er war nicht der Einzige.
Später fand ich in Skalas Artikeln mehrfach Bestätigungen dafür. Er lobte den deutschen Ethnologen Franz Tetzner (1863–1919), der empfahl, „aus wissenschaftlichen Gründen den Namen „Wenden“ als Volksnamen für die Lausitzer Sorben fallen zu lassen. Skala fügt hinzu: Die Bezeichnung Wenden sei „so verfestigt, dass damit vor allem die Unterschiede und Gegensätze zu den Sorben der Oberlausitz betont werden“. Er sieht „darin einen traurig stimmenden Beleg für das erfolgreiche ‚Teile und herrsche‘ der damals und heute an Germanisierung Interessierten.“ Knapp hundert Jahre klingt das unangenehm aktuell.
Skala entlarvt den politischen Nutzen1930 übersetzte Skala die Schrift des Tschechen Josef Páta „Das kulturelle Leben der Lausitzer Serben nach dem Weltkriege“. In seinem Vorwort ist Skala bemüht, Ursachen für die Vorurteile bei Deutschen und Folgen für ihr Zusammenleben mit Sorben zu benennen. „Die deutschsprachige Literatur über die Lausitzer Serben – wissenschaftlich unzutreffend Wenden genannt – ist nicht sehr reichhaltig oder tendenziös zusammengestellt. Daraus entstehen Nachteile in der öffentlichen Meinung speziell über das Kulturniveau und die eigenkulturelle Betätigung dieses westslavischen Restvolkes der polabischen Slaven.“ Durch „politische Tendenzen, die einerseits die kulturelle Eigenart und Selbständigkeit (vollständig) leugnen und andererseits politische Einflüsse anderer Völker unterstellen, wird die geistige, national-kulturelle Physiognomie der Lausitzer Serben völlig entstellt.“
An anderer Stelle beschreibt er den Gebrauch des Wortes „Wenden“ umfassender. „Sofern diese Bezeichnung von der lateinischen Form ‚Venetae‘ entlehnt wird, ist sie historisch unzutreffend, weil der ursprünglich so benannte Volksstamm nicht mehr existiert. Sie für alle nicht näher bezeichneten slavischen Volksstämme anzuwenden, ist schon deshalb abzulehnen.“
Dann entlarvt er den politischen Nutzen. „Wird aber mit der Bezeichnung ‚Wenden‘ die nationalimperialistische Tendenz und Absicht verbunden, die so bezeichneten Westslaven als nichtslavisches oder gar als germanisches Volkstum erscheinen zu lassen, so muss das entschieden bekämpft werden.“ Diese Falschbezeichnung werde genutzt, „um den slavischen Charakter des Volkstums in eine ‚neudeutsche Stammeszugehörigkeit‘ umzudeuten“. An die eigene Adresse gewandt, hält er fest: Mancher unserer Vorfahren sei „selbst so gedankenlos gewesen, sich diese deutsche Bezeichnung aufdrängen zu lassen“.
Mit vorurteilsfreiem Blick ist festzuhalten: Skalas Begründungen und viele, hier aus Platzgründen nicht aufführbare wissenschaftliche Studien belegen zweifelsfrei: „Wenden“ und „Sorben“ sind zwei Begriffe für eine westslawische Minderheit in der Lausitz. Die eine Bezeichnung kennzeichnet das Selbstbild. Der andere Name ist eine von den Deutschen stammende Fremdbezeichnung.
Zwei Museen mit identischem NamenBesonders interessant für den heutigen Umgang mit dem heißen Eisen ist die Tatsache, dass die hier fixierten Erkenntnisse über das Selbst- und das Fremdbild zweifach auch aus sorbischen Quellen gespeist werden. Zum einen: Weder im Niedersorbischen noch im Obersorbischen existiert das Wort „Wenden“. Die Lausitzer Slawen nennen sich in niederlausitzischer Sprache „Serby“, was dem obersorbischen Wort „Serbja“ entspricht. Zum anderen: In Cottbus und in Bautzen gibt es je ein Museum mit dem gleichlautenden und gleich geschriebenen Namen „Serbski Muzej“. Dass das eine in deutscher Sprache „Wendisches Museum“ heißt und das andere hingegen „Sorbisches Museum“, ist nicht sprachwissenschaftlich, wohl aber historisch und politisch erklärbar.
Um eventuellen Missverständnissen vorzubeugen, will ich zum Schluss nachdrücklich hervorheben: Die im Text erörterten Fakten zwingen niemanden, sich das eine oder andere Argument zu eigen zu machen. „Wenden“ ist eine gewohnheitsmäßig eingebürgerte Bezeichnung. Niemand kann und will sie „per ordre de mufti“ außer Kraft setzen. Ich verstehe alle Lausitzer Slawen sehr gut, die sich aufgrund persönlicher Erfahrungen oder durch Erlebnisse ihrer Familien mit – vorsichtig formuliert – übergriffigen Entscheidungen aus Berlin (Hauptstadt der DDR) oder Bautzen (Sitz der Domowina) als „Wenden“ identifizieren. Daher jetzt nur so viel: Zur DDR wird ebenso wie zur Braunkohle noch etwas zu sagen sein.
Gleichwohl sind drei Fragen unabweisbar, die ich alle mit Ja beantworte. Erstens: Sind die „Wenden“ in der Niederlausitz Slawen? Zweitens: Sind die „Sorben“ in der Oberlausitz Slawen? Drittens: Können sich beide zusammen „Lausitzer Slawen“ nennen, wenn sie sich für ihre Interessen gemeinsam engagieren?
Über schon genannte Gründe stütze ich mein dreifaches Ja auf realpolitische Fakten. Die Lausitzer Slawen leben nicht nur in zwei unterschiedlichen Bundesländern, sondern auch in vier unterschiedlichen Landkreisen, in denen sich wiederum die Lebensbedingungen zwischen dem dörflich geprägten Land und den Städten unterscheiden. Hinzu kommt: Die Lausitzer Slawen haben – im Gegensatz zur dänischen Minderheit in Schleswig-Holstein – keine eigenständige politische Vertretung in den Landtagen Brandenburgs und Sachsens.
Trachtentanzfest der Lausitzer Slawen in Lübben
© Jochen Eckel/Imago
Die Vielfalt im Leben der Lausitzer Slawen zwischen Cottbus und Bautzen ist ein wichtiger Baustein sorbischer Kultur. Aber Vielfalt ohne verbindende Werte, Ziele, Ideale verpflichtet niemanden zu irgendetwas. Im Nebeneinander sind zwar alle gleich gültig, aber letztlich allen Partnern und Gegnern gleichgültig. Deshalb würde jedes Gegeneinander von Lausitzer Slawen im Ringen um enkeltaugliche Verbesserungen des Lebens in der Bundesrepublik stören, bremsen, hemmen. Skala schreibt in „Von sorbischen Fragen“ Folgendes: „Die wirtschaftlichen und sozialen Verhältnisse sind heute unter den Sorben so, dass uns nur die nationale Idee als Politikum aller in ein Lager vereinigen kann. Können wir dieses einheitliche Lager nicht schaffen, vergegenwärtigen wir urbi et orbi die Schwäche unserer nationalen Idee in unseren Leuten, und damit schwächen wir unsere Bemühungen bis zur Ohnmacht.“
Das wurde 1922 verfasst und ist über hundert Jahre später unverändert aktuell. Denn aktuell ist ja nicht, was gestern oder gerade eben gesagt oder geschrieben wurde. Aktuell ist, was hilft, die Zeiten, in denen man lebt, zu verstehen und zu meistern. Die Spaltungsbestrebungen der Gegner einer sorbischen Selbstbestimmung sollten die Lausitzer Slawen weder freiwillig noch gezwungenermaßen akzeptieren.
Peter Kroh, 1944 in Namslau (Schlesien) geboren, Enkel und Biograf des sorbischen Poeten, Journalisten und Minderheitenpolitikers Jan Skala, veröffentlichte 2014 das Buch „Minderheitenrecht ist Menschenrecht. Sorbische Denkanstöße zur politischen Kultur in Deutschland und Europa“.
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