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Weimar unplugged: Wie die Klassikerstadt zwischen Sauerteig und Specialty Coffee jung wird

Дата публикации: 03-08-2026 07:23:10

Weimar kann mehr als Goethe. Eine Reise durch die entschleunigte und überraschend junge Seite der Klassikerstadt. Doch – Spoiler! – ganz ohne Goethe geht es nicht.

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Noch bevor ich beim Hotel Elephant am Weimarer Marktplatz ankomme, fühle ich mich entschleunigt. Das liegt zum einen an dem circa zehnminütigen Fußweg über Pflastersteine, den ich mit meinem Koffer und einem anderen Hotelgast im Schlepptau („Wollen Sie auch zum Hotel Elephant?“) bestreite. Zum anderen liegt es an der Tatsache, dass viele Straßen in der Altstadt verkehrsberuhigt sind und ich von gemächlich Flanierenden umgeben bin.

Hier scheint jeder tiefenentspannt, Eiswaffeln in den Händen, auf den Tischen der Straßencafés orangeleuchtende Getränke. Eine Ahnung von Italien und Urlaub macht sich breit. Dann holt mich der plakativ inszenierte Thüringer Bratwurststand mit der Aufschrift „Teufel“ zurück auf den Boden des Weimarer Marktplatzes.

Mein Quartier für die nächsten 48 Stunden: das Hotel Elephant, das seit 1696 am Marktplatz steht. Beste Lage, um Weimar zu Fuß zu erkunden. Goethe, Schiller, Bach, Liszt und später auch Thomas Mann waren hier schon zu Gast – nun also auch ich.

Specialty Coffee auf der „Herder-Piazza“

Lädt zum Verweilen ein: Der Herderplatz.

Lädt zum Verweilen ein: Der Herderplatz.

© Sylvio Dittrich via www.imago-images.de

Als ich um die Ecke zum Herderplatz spaziere, hat mich das anfängliche italienische Lebensgefühl schnell zurück. „Herder-Piazza“ würde auch passen: viel Kopfsteinpflaster, wenig Begrünung, dafür umso mehr Sonne. Zwischen Studierenden und Touristen kann man hier wunderbar träge werden – am besten mit einem Kaffee der Röstbrüder vor sich.

Gegründet wurde die Rösterei 2020 von den Brüdern Collin und Vincent Höckendorf. Seither stehen sie für modernen, handgerösteten Specialty Coffee. Nach dem Start mit Rösterei und Werksverkauf in der Richard-Wagner-Straße folgte 2022 die Espressobar in der Kaufstraße.

„Faust“ durch eine moderne Linse

Frisch koffeiniert zieht es mich in die aktuelle „Faust“-Ausstellung im nahe gelegenen Schiller-Museum, die noch bis zum 1. November 2027 zu sehen ist. Multimedial, interaktiv und mit Comics des Illustrators Simon Schwartz werden hier „Faust I und II“ mit Hinblick aufs Hier und Jetzt aufbereitet.

Durch Goethes „Faust“ lässt es sich besonders gut im Schiller-Museum wandeln.

Durch Goethes „Faust“ lässt es sich besonders gut im Schiller-Museum wandeln.

© KSW

Zwischen Filmcollagen, Typografie und Themeninseln zu Natur, Macht, Geschlechterrollen und Kapitalismus zeigt die Ausstellung, wie aktuell Goethes Jahrhundertwerk bis heute ist. Damit ist sie nicht nur etwas für Kulturbanausen wie mich, die das schrill-gelbe Reclamheft seit dem Deutschabitur nicht mehr angerührt haben – so hat man „Faust“ garantiert noch nicht gesehen.

Restobar Lato – wo sich Weimarer ihr Abendessen teilen

Abends mache ich mich in die Restobar Lato auf– polnisch für „Sommer“. Obwohl das Lokal erst Ende 2025 eröffnet wurde, gilt es bereits als die Anlaufstelle für Freunde guter Kulinarik und ausgewählter Weine in Weimar. „Die Weimarer haben Bock“, sagt Inhaber Robert Brückner. Dazu beigetragen hat sicherlich auch die traditionsreiche Adresse, für die sich der Thüringer entschieden hat.

Zuvor war in der Humboldtstraße acht Jahre lang die beliebte „Weinbar Weimar“ ansässig. Als sie im September 2024 schließen musste, hinterließ sie eine Lücke, die Robert Brückner nun mit einem frischen Konzept füllt: Sharing Plates, also Essen auf vielen kleinen Tellern, gemacht zum Teilen. Dank der wöchentlich wechselnden Karte und der  konsequent lokalen sowie saisonalen Küche wird's bei Lato garantiert nicht langweilig.

Regionales und Saisonales vereint auf einem Tablett: Das gibt es bei Lato.

Regionales und Saisonales vereint auf einem Tablett: Das gibt es bei Lato.

© Isabell Gielisch

Im Frühjahr dominieren Kräuter, Salate und Radieschen die Karte, im Sommer werde man „mit Tomaten überflutet“, so Brückner, der selbst als Koch in der Küche steht. Dazu gibt es offene Weine – mal klassisch und regional, mal international oder spontanvergoren. Das Essen holt man sich selbst an der Küchentheke ab – wann die Bestellung fertig ist, verrät eine Anzeige im nostalgischen Wecker-Look.

Vom Porschefahrer bis zum Studenten soll Lato ein Anlaufpunkt für alle sein, so Brückner. Dieser Spagat zeigt sich auch im Ambiente: Der rustikale Gasthaus-Look trifft auf Details, wie man sie eher aus WG-Küchen kennt – eine Lavalampe, Topfpflanzen zwischen leeren Weinflaschen und einen Beamer, der alte Familienfotos des Teams an die Wand projiziert.

Altes Handwerk, neu inszeniert

In puncto Keramik arbeitet Brückner mit der Weimarer Porzellan-Designerin Isa Schreiber zusammen, die seit gut zwei Jahren ein eigenes Studio in der Rittergasse betreibt. Dort entwirft und produziert die 31-Jährige ihr Porzellan direkt vor Ort. Besonders wichtig sei ihr dabei, das Handwerk sichtbar zu machen.

Studio Isa Schreiber produziert Porzellan zwischen Aufrechterhaltung eines traditionellen Handwerks und moderner Weiterentwicklung.

Studio Isa Schreiber produziert Porzellan zwischen Aufrechterhaltung eines traditionellen Handwerks und moderner Weiterentwicklung.

© Studio Isa Schreiber

Thüringen sei eine „sehr große Porzellan-Region mit vielen ehemaligen Manufakturen“, sagt Schreiber – viele davon mussten inzwischen schließen. Umso wichtiger sei es, Wissen und Herstellung „nicht nur beizubehalten, sondern auch modern weiterzudenken“.

Deshalb ist der Produktionsbereich ihres Studios bewusst offen gestaltet. „So entsteht Wertschätzung“, sagt sie. Besucher können direkt verfolgen, wie aus Porzellan zunächst Rohformen und später fertiges Geschirr entsteht. „Man muss also nicht unbedingt etwas kaufen, sondern kann auch einfach vorbeikommen und sich das Handwerk anschauen.“

Joggen mit Goethe

Außenansicht von Goethes Gartenhaus im Park an der Ilm in Weimar. Seit 1998 gehört es als Teil des Ensembles „Klassisches Weimar“ zum Unesco-Weltkulturerbe.

Außenansicht von Goethes Gartenhaus im Park an der Ilm in Weimar. Seit 1998 gehört es als Teil des Ensembles „Klassisches Weimar“ zum Unesco-Weltkulturerbe.

© Marco Kneise

Durch die zentrale Lage des Hotel Elephant gehen mir auch die letzten Ausreden für einen morgendlichen Lauf im nur wenige Minuten entfernten Park an der Ilm aus. Er ist Weimars grüne Lunge: geschwungene Wege, weite Wiesen, alte Bäume und immer wieder schöne Blicke aufs Wasser.

Angelegt wurde er ab 1778 von Goethe und Herzog Carl August im englischen Landschaftsstil. Mitten drin liegt Goethes Gartenhaus, in dem er von 1776 bis 1782 lebte und unter anderem den „Erlkönig“ schrieb.

Bio-Sauerteig mit Prenzlauer-Berg-Vibes

So viel Kultur vor 9 Uhr morgens? Danach brauche ich Kaffee und Kohlenhydrate. In Weimar gibt es dafür nur eine adäquate Adresse: die Bio-Bäckerei Brotklappe am Frauenplan. Hier stehen Radsportler, Laptop-Arbeitende und Eltern in Birkenstocks gleichermaßen Schlange und verbreiten Prenzlauer-Berg-Vibes.

Hinter dem Konzept stecken Annika und Sebastian Lück, Autodidakten, die seit 2016 mit Sauerteigbroten und skandinavischem Gebäck frischen Wind in Weimars Backszene bringen. Für Kardamomschnecken, Morning Buns oder Zimtknoten steht man hier gern ein bisschen länger an.

So warte ich geduldig in der Schlange. Weimar entschleunigt mich aufs Neue und ich habe Zeit, nachzudenken über diese Stadt, die schon viele Rollen gespielt hat: Residenzstadt, Stadt der Weimarer Klassik, Bauhaus-Ort, Namensgeberin der Republik – und heute ein Ort, der all diese Epochen mit Leichtigkeit konserviert. Ich werde wiederkommen.


Adressen:

Hotel Elephant Weimar Markt 19, 99423 Weimar

Röstbrüder Espressobar Kaufstraße 19, 99423 Weimar; Röstbrüder Kaffeerösterei & Werksverkauf Richard-Wagner-Straße 17, 99423 Weimar

Schiller-Museum Schillerstraße 12, 99423 Weimar

Lato Humboldtstraße 2, 99423 Weimar

Studio Isa Schreiber Rittergasse 1, 99423 Weimar

Brotklappe | Bio-Handwerksbäckerei + Café – Frauenplan 8, 99423 Weimar; Trierer Straße 46, 99423 Weimar


Transparenzhinweis: Diese Reise wurde vom Hotel Elephant unterstützt.

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