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Brics Pay gegen den Dollar: Wie der Nichtwesten die globale Finanzordnung umbauen will

Дата публикации: 03-08-2026 08:54:29

Die Brics setzen auf Landeswährungen, eigene Zahlungssysteme und neue Finanzinstrumente. Ziel ist weniger Abhängigkeit vom Dollar. Doch der Weg bleibt lang. Eine Analyse.

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Kaum ein Begriff wird im Zusammenhang mit den Brics-Staaten so häufig bemüht – und so selten präzise gefasst – wie „Dedollarisierung“. Oftmals könnte man geradezu an ein abruptes Ende der Dollar-Dominanz in der Finanzwelt denken. Ein Blick in die offiziellen Dokumente des Bündnisses ergibt jedoch ein deutlich nüchterneres Bild. Es geht nicht um einen Bruch, sondern um einen schrittweisen Umbau der Handels- und Finanzbeziehungen zwischen den Mitgliedstaaten.

Der Brics-Rat in Russland bringt es in einer neuen Analyse auf den Punkt: Man solle die Bewegung des Bündnisses nicht als Versuch verstehen, den Dollar kurzfristig von der Weltbühne zu verdrängen, sondern als eine Strategie des „praktischen Graduierens“ – also eine evolutionäre Entwicklung, die auf den verstärkten Einsatz nationaler Währungen, den Ausbau der Zahlungsinfrastruktur und die institutionelle Stärkung von Einrichtungen wie der Neuen Entwicklungsbank (NDB) setzt.

Auch Wladimir Putin selbst hatte bereits im Dezember 2025 zur Zurückhaltung gemahnt. Auf die Frage indischer Journalisten nach einer möglichen gemeinsamen Brics-Währung antwortete der russische Präsident, man dürfe in solchen Fragen „keine groben Fehler machen“ und solle nichts überstürzen.

Vier Bedeutungen eines unscharfen Begriffs

Wer über Dedollarisierung spricht, sollte zunächst klären, wovon eigentlich die Rede ist. Im Brics-Kosmos unterscheidet man vier Ebenen: die Abwicklung des bilateralen Handels in Landeswährungen, die Kreditvergabe und Anleihefinanzierung außerhalb des Dollarraums, den Aufbau eigener Zahlungs- und Clearinginfrastrukturen – sowie, als deutlich ambitionierteres Ziel, die Reduzierung des Dollaranteils in den Währungsreserven der Zentralbanken. Nach Einschätzung mehrerer Analysen macht das Bündnis vor allem in den ersten drei Bereichen Fortschritte, während sich in den offiziellen Erklärungen keine Aussagen fänden, wonach der Dollar in absehbarer Zeit als globale Leitreserve abgelöst werden solle.

Eine Reservewährung lebt, wie es die Ökonomin Svetlana Frumina von der Moskauer Plechanow-Wirtschaftsuniversität formuliert, „von Vorhersehbarkeit, Liquidität und stabilen Regeln“. Allesamt Eigenschaften, die sich nicht per Beschluss herstellen ließen, sondern über Jahrzehnte gewachsen seien.

Die Motive seien, so erklärt der Brics-Rat, in erster Linie praktischer und weniger symbolischer Natur. Ein zentraler Treiber sei das Wechselkursrisiko: Wo Projekte, Handelsgeschäfte oder Staatsanleihen in Dollar denominiert seien, die Einnahmen aber in Landeswährung anfielen, blieben Regierungen und Unternehmen Abwertungsschocks und steigenden Refinanzierungskosten ausgesetzt. Genau hier setze die Strategie der Neuen Entwicklungsbank an. Laut deren Generalstrategie der Jahre 2022 bis 2026 soll der Anteil der in Landeswährungen denominierten Kreditverpflichtungen im Lauf des Strategiezyklus auf bis zu 30 Prozent steigen – abhängig von Marktbedingungen, Regulierung und Preisgestaltung. Bis 2026 hat die NDB nach eigenen Angaben bereits Finanzierungen im Umfang von 42,9 Milliarden US-Dollar für 139 Projekte bewilligt.

Ein zweites Motiv sei der Wunsch nach finanzieller Stabilität und politischer Autonomie, ein drittes seien die schlichten Kosten und die geringe Effizienz bestehender Zahlungswege. In einer gemeinsamen Erklärung der Brics-Finanzminister und Notenbankchefs von 2025 wurde die Ausarbeitung eines technischen Berichts zum grenzüberschreitenden Zahlungssystem begrüßt, das „schnelle, kostengünstige, zugängliche, effiziente, transparente und sichere“ Transaktionen zwischen den Mitgliedern und Drittstaaten ermöglichen solle. Auch die Außenminister der Brics-Staaten unterstrichen die Bedeutung einer „konsequenten Ausweitung der Finanzierung in nationalen Währungen“ sowie einer Stärkung innovativer Finanzinstrumente.

Um die Tragweite dieser Entwicklungen einordnen zu können, lohnt ein Blick auf das Bündnis selbst. Ursprünglich 2006 von Brasilien, Russland, Indien und China gegründet, trat Südafrika 2010 bei. Anfang 2024 kamen Ägypten, Äthiopien, der Iran und die Vereinigten Arabischen Emirate hinzu, 2025 folgte Indonesien als volles Mitglied; Saudi-Arabien nimmt inzwischen als Beobachter an den Treffen teil, ohne der Gruppe formal beigetreten zu sein.

Damit vereinen die Brics laut Angaben des Statistischen Bundesamts inzwischen rund 48 Prozent der Weltbevölkerung sowie etwa 39 Prozent der weltweiten Wirtschaftsleistung (gemessen an der Kaufkraftparität) auf sich – mehr als die G7-Staaten zusammen. Gerade diese wachsende ökonomische und demografische Gewichtsverlagerung erklärt, weshalb Fragen der Zahlungsinfrastruktur und der Währungsabhängigkeit für das Bündnis zunehmend an Bedeutung gewinnen. Je größer der Anteil am Welthandel, den die Mitgliedstaaten untereinander abwickeln, desto spürbarer sind auch die Kosten und Risiken einer Abrechnung in einer fremden Währung.

Was ist Brics Pay?

Der wohl folgenreichste analytische Fehler in der öffentlichen Debatte besteht darin, zwei grundverschiedene Vorgänge zu vermengen: die Ausweitung der Handelsabwicklung in nationalen Währungen einerseits und die Ablösung des Dollars als globale Leitwährung andererseits. Ersteres lasse sich über bilaterale und multilaterale Abkommen graduell ausbauen – und genau darauf konzentrierten sich die Brics-Akteure, erklärt der Brics-Rat. Letzteres hänge dagegen von tiefen und liquiden Kapitalmärkten, internationalem Vertrauen, Rechtssicherheit und starken Netzwerkeffekten ab – Faktoren, die sich nicht kurzfristig herstellen ließen.

Wie weit die praktische Umsetzung bereits gediehen ist, zeigt sich im russisch-chinesischen Handel, wo nach Angaben aus früheren Berichten bereits mehr als 80 Prozent der Geschäfte in Landeswährungen abgewickelt werden. Insgesamt habe der Handel zwischen den Brics-Staaten inzwischen ein Volumen von mehr als einer Billion US-Dollar erreicht.

Um konkret zu werden, preisen die Führungen von Moskau über Teheran, Neu-Delhi bis Peking das Projekt Brics Pay an, mit dem das Bündnis eine eigene Zahlungsinfrastruktur für grenzüberschreitende Transaktionen aufbauen will – ausdrücklich ohne den Umweg über Dollar-Clearingstellen oder Systeme wie SWIFT.

„Jede Bewegung im Rahmen der Brics zielt darauf ab, die Unabhängigkeit dieses Zusammenschlusses zu erhöhen sowie die Fähigkeit der Staaten, nicht sanktionierbar zu sein und nicht unter externer Aufsicht zu stehen“, schrieb Victoria Panova, Wissenschaftlerin an der Higher School of Economics in Moskau und Leiterin des russischen Brics-Expertenrats. Dass ausgerechnet Indien, traditionell ein vorsichtig ausbalancierender Akteur zwischen West und Ost, die Initiative vorantreibt, wertet sie als politisches Signal. Die Reduzierung der Dollar-Abhängigkeit sei damit endgültig von der rhetorischen in die praktische Phase eingetreten.

Ganz einig ist sich das Bündnis dabei allerdings nicht. „Einige Länder wollen sich von Sanktionen befreien, andere sind mit dem Dollar durchaus zufrieden“, räumt Panova ein. Auch die technologische Basis sei höchst unterschiedlich ausgeprägt, da eine ausgebaute Infrastruktur für digitale Währungen nicht überall existiere.

Zur Nüchternheit mahnt auch Mikhail Nikitin, Partner bei 5D Consulting. „Brics Pay existiert bislang als Konzept und als Bündel von Pilotlösungen. Vor uns liegt ein langer evolutionärer Prozess, einen abrupten Bruch mit der bestehenden Dollar-Infrastruktur wird es nicht geben.“ Entscheidend seien nicht Symbolik, sondern einheitliche Standards, abgestimmte Emissionsregeln und funktionierende Clearing-Mechanismen.

Bereits im Februar dieses Jahres hatte Russlands Vizeaußenminister Sergej Rjabkow bei der ersten Sherpa-Konferenz unter indischer Präsidentschaft in Neu-Delhi auf die dringende Notwendigkeit einer solchen grenzüberschreitenden Infrastruktur hingewiesen; Experten halten es für möglich, dass bereits 2026 ein Zahlungssystem oder ein digitaler Clearing-Mechanismus auf Basis nationaler Währungen eingeführt wird – „allerdings noch keine vollwertige gemeinsame Währung“, wie der Geopolitik-Analyst Anatoli Otyrba schreibt.

Wechselkurs, Gold und dezentrale Modelle

Sollte es dennoch längerfristig zu einer Verrechnungseinheit kommen, wäre die Frage nach dem Wechselkurs zentral. Lilia Aleeva, Expertin für digitale Ökonomie, hält einen Währungskorb für den plausibelsten Ansatz. „Der Kurs könnte auf einem Währungskorb basieren, gewichtet nach Wirtschaftsleistung und Handelsvolumen – möglicherweise ergänzt um Rohstoffe. Entscheidend ist jedoch das Vertrauen in Emissionsregeln und Governance.“

Auch der Brics-Ökonom Michail Chatschaturjan bringt einen Korb aus Yuan, Rubel und Real oder alternativ eine Goldanbindung ins Spiel und beziffert allein die Harmonisierung der regulatorischen Rahmenbedingungen auf bis zu drei Jahre – eine Plattform sei damit „bis 2029 oder 2030 realistisch“. Der Geopolitik-Analyst Otyrba wiederum skizziert ein dezentrales Modell ganz ohne zentrale Emissionsstelle, in dem ein Netzwerk wirtschaftlicher Akteure eine Geldeinheit proportional zu hinterlegten Vermögenswerten ausgeben würde.

Der russische Brics-Rat benennt in seiner Analyse vier strukturelle Hürden, die den Prozess bremsen: die unterschiedliche Konvertierbarkeit der Mitgliedswährungen, die begrenzte Tiefe und Liquidität der jeweiligen Finanzmärkte, Fragen des Vertrauens und der makroökonomischen Stabilität sowie schließlich die institutionelle Fragmentierung eines Bündnisses, das eben kein Währungsraum, sondern ein loser Zusammenschluss von Staaten mit sehr unterschiedlichen geldpolitischen Regimen sei. Auch der Yuan, betont Frumina, sei bislang nicht frei konvertierbar, was eine strukturelle Asymmetrie schaffe: Während die USA ihre Schuldenlast über ein tief integriertes Dollarsystem international verteilen könnten, fehle China diese Möglichkeit unter den geltenden Kapitalverkehrsbeschränkungen.

Der Dollaranteil an den globalen Währungsreserven liegt weiterhin bei rund 57 Prozent – die Dominanz der amerikanischen Währung ist also ungebrochen. Und doch, meint Frumina, erscheine sie „weniger alternativlos als noch vor wenigen Jahren“. Realistische Erfolgsindikatoren wären demnach nicht das Ende des Dollars, sondern messbare Fortschritte: ein steigender Anteil des Handels in Landeswährungen, mehr Entwicklungsfinanzierung abseits des Dollarraums, kompatiblere Zahlungssysteme und sinkende Transaktions- sowie Absicherungskosten.

Sollte Washington auf die Vorstöße reagieren – Nikitin rechnet mit politischem Druck auf Moskau, Peking und Neu-Delhi sowie mit Versuchen, die bestehende Dollar-Infrastruktur aktiv zu verteidigen –, dürfte dies den Prozess eher verlangsamen als stoppen. Am Ende steht damit keine Weltordnung ohne Dollar, wohl aber eine, in der die Brics-Staaten und ihre Partner über spürbar mehr Handlungsspielraum jenseits der Dollar-Abhängigkeit verfügen.

Welchen Stellenwert das Thema Dedollarisierung inzwischen in der Brics-Agenda hat, dürfte sich auch beim bevorstehenden Gipfeltreffen zeigen. Indien hat in diesem Jahr zum vierten Mal den Vorsitz der Gruppe übernommen und lädt die Staats- und Regierungschefs für Mitte September nach Neu-Delhi. Unter dem Motto „Building for Resilience, Innovation, Cooperation and Sustainability“ will Premierminister Narendra Modi das Bündnis nach eigenen Worten mit einem stärker menschenzentrierten Ansatz neu ausrichten und die Anliegen des Globalen Südens in den Vordergrund rücken.

Bereits das Außenministertreffen im Mai in Neu-Delhi steckte das Themenfeld ab, das auch beim Gipfel auf der Tagesordnung stehen dürfte: Regeln für den Einsatz Künstlicher Intelligenz in Entwicklungsländern, eine Reform der multilateralen Institutionen, Klimafinanzierung für den Globalen Süden sowie die weitere Aufnahme von Partnerländern. Hinzu kommen Handel, die internationale Finanzarchitektur und – nicht zuletzt – der Ausbau alternativer Zahlungssysteme wie Brics Pay, die in Neu-Delhi voraussichtlich erneut zur Sprache kommen dürften.

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