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Das Ende der Rollladen-Republik

Дата публикации: 20-07-2026 04:52:00

Eine neue Gerätegeneration macht Klimaanlagen plötzlich für Millionen Menschen attraktiv und verändert den Markt grundlegend. Um sie zu liefern, schieben die Chinesen Sonderschichten.

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Rekordhitze allein erklärt den Boom nicht. Eine neue Gerätegeneration macht Klimaanlagen plötzlich für Millionen Menschen attraktiv und verändert den Markt grundlegend. Um sie zu liefern, schieben die Chinesen Sonderschichten.

Wer bei Temperaturen jenseits der 30 Grad durch deutsche Wohngebiete geht, sieht ein neues Sommerbild: Fenster sind halboffen, davor hängen Schläuche, auf Balkonen stehen Lüftungsgeräte, was darauf schließen lässt, dass im Wohnzimmer dahinter vermutlich die Klimaanlage summt. Deutschland, jahrzehntelang das Land der Rollläden und Ventilatoren, entdeckt die Klimaanlage. Das Problem: Je mehr wir kühlen, desto heißer wird es, weil sich Städte erwärmen.

Die Zahlen sehen so aus: Auf der Schnäppchenplattform mydealz wurden allein im Juni 2026 mehr Angebote für Klimaanlagen geteilt als in jedem kompletten Vorjahr. Im ersten Halbjahr lag die Zahl der Deals um 226 Prozent über dem Vorjahreszeitraum.

„Klimaanlage wird zum Alltagsgerät“

Auslöser war die Hitzewelle mit Temperaturen bis 39,8 Grad in Berlin, der heißeste Tag seit fünf Jahren. Doch die Hitze allein erklärt den Boom nicht. „Wir hatten immer kleine Peaks, aber diesmal kam es früher und stärker. Wir erleben gerade den Moment, in dem die Klimaanlage in Deutschland vom Luxusprodukt zum Alltagsgerät wird“, sagt Alex Kalcin, Marketingchef der mydealz-Mutter Atolls.

Der eigentliche Auslöser für den Boom sind verbesserte Geräte, die sich mobil einsetzen lassen und damit keine Abstimmung mit dem Vermieter oder der Hausgemeinschaft mehr nötig ist. Was die Deutschen kaufen, sind Klimaanlage, für die sie niemanden fragen müssen.

Die stille Revolution findet in Mietwohnungen statt

Deutschland ist ein Mieterland. Rund jeder zweite Haushalt wohnt zur Miete. Wer bislang eine leistungsfähige Klimaanlage installieren wollte, brauchte einen Fachbetrieb, musste Löcher durch die Außenwand bohren lassen, und dazu die Zustimmung des Vermieters oder der Eigentümergemeinschaft einholen. Für viele war das der Todesstoß jeder Klimaplanung, oder der Beginn einer Odyssee durch die Gerichte. Ein Kläger hat jetzt gerade vor dem Bundesgerichtshof Recht bekommen – jedenfalls ein bisschen.

Die Richter urteilten, Wohnungseigentümer könnten grundsätzlich verlangen, dass ihnen der Einbau eines Klimageräts mit Außeneinheit gestattet wird. Die Eigentümergemeinschaft darf den Wunsch nicht mehr allein mit allgemeinen Befürchtungen über Lärm oder mögliche Nachteile ablehnen. Das Urteil (Az. V ZR 162/25) ist jedoch kein Freifahrtschein. Die Gemeinschaft darf weiterhin Einzelfälle prüfen wie etwa die Position des Außengeräts, Kondenswasser oder konkrete Lärmbelastungen. Pauschales Blockieren allerdings reicht künftig aber nicht mehr.

Wer dennoch den Weg der Abstimmung scheut, greift auf mobile Geräte zurück, wie die bei mydealz stark nachgefragte Midea PortaSplit aus chinesischer Produktion. Das Außengerät wird auf den Balkon oder außen vor das Fenster gehängt, Innen- und Außeneinheit sind über einen schmalen Verbindungsschlauch gekoppelt, was nicht klasse aussieht, aber von den Nutzern hingenommen wird. Kein Mauerdurchbruch ist nötig, kein Installateur muss kommen. Genau das verändert den Markt.

China liefert 200.000 Klimaanlagen per Eilfracht

Nach Daten von mydealz ist der Anteil dieses Gerätetyps innerhalb von drei Jahren von rund zehn auf inzwischen 45 Prozent aller gehandelten Klimaanlagen gestiegen. Zwischenzeitlich war das Gerät ausverkauft. Dem chinesischen Tech-Portal IThome zufolge hat Midea angekündigt, jetzt aber 200.000 Klimaanlagen per Eilfracht nach Europa zu schicken, 50 Container seien schon auf dem Weg. Man habe die Produktion im Eilverfahren verdoppelt und kann nun bis zu 6000 Einheiten täglich herstellen.

Es ist eine Art Kälterevolution im Wohnzimmer. Während der Politik noch Hitzetote vorgezählt werden, und Vermieter und Wohnungseigentümer noch darüber diskutieren, wie man mit zunehmender Hitze umgehen soll, schaffen viele Mieter längst Fakten, indem sie sich ein mobiles Gerät liefern lassen.

Lieber teuer als schwitzen

Die hohe Nachfrage führt zu satten Preisen. Vor einem Jahr kostete der typische Klimaanlagen-Deal noch 339 Euro. Inzwischen liegt der Medianpreis bei 577 Euro. Mehr als jede zweite gekaufte Anlage kostet inzwischen mindestens 500 Euro. Normalerweise würden Käufer auf hohe Rabatte warten. Nicht in diesem Sommer, denn es wäre auch weitgehend vergeblich: Die durchschnittlichen Preisnachlässe sanken von 20 auf nur noch 13 Prozent. „Früher jagten die Nutzer den höchsten Rabatten hinterher. Diesen Sommer war ihnen vor allem wichtig, überhaupt noch ein lieferbares Gerät zu bekommen. Wer es wollte, musste bezahlen. Ein Schnäppchen dieses Jahr wäre im letzten Jahr keines gewesen“, sagt Kalcin.

Und die laufenden Kosten? Sie fallen moderater aus, als viele vermuten. Eine moderne mobile Anlage benötigt im Kühlbetrieb in der Praxis lediglich rund 430 Watt elektrische Leistung. Läuft sie an einem heißen Sommertag sechs Stunden, verbraucht sie etwa 2,6 Kilowattstunden Strom. Beim durchschnittlichen deutschen Haushaltsstrompreis von rund 37 Cent pro Kilowattstunde kostet das knapp einen Euro pro Tag. Wer die Anlage einen ganzen Monat lang täglich sechs Stunden laufen lässt, landet bei etwa 75 Kilowattstunden und damit bei rund 28 Euro zusätzlichen Stromkosten. Selbst acht Stunden täglicher Betrieb schlagen nur mit knapp 40 Euro im Monat zu Buche.

Der Süden Europas war nur früher dran

Deutschland folgt damit einem Muster, das Südeuropa längst kennt. Auch Frankreich verzeichnete während der jüngsten Hitzewelle einen Nachfrageanstieg von rund 186 Prozent. In Paris wurden ebenfalls fast 40 Grad gemessen. In Spanien wiederum gehören Klimaanlagen seit Jahren selbstverständlich zur Wohnungsausstattung. Deutschland holt nun nach, was klimatisch lange nicht notwendig erschien. Was früher als Luxus galt, entwickelt sich vor diesem Hintergrund zur selbstverständlichen Grundausstattung.

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