Selten erlebt man Armin Laschet so angriffslustig. In der letzten „Maybrit Illner“-Ausgabe vor der Sommerpause nennt er der AfD eine Gefahr für Europa — und sorgt für den emotionalsten Moment des Abends.
Selten erlebt man Armin Laschet so angriffslustig. In der letzten „Maybrit Illner“-Ausgabe vor der Sommerpause nennt er der AfD eine Gefahr für Europa — und sorgt für den emotionalsten Moment des Abends.
Die Fußball-WM ist Geschichte, ein neuer Bundestrainer ist gefunden und selbst der Tornado über dem Kinderwagen von Jens Spahn und Ehepartner legt sich langsam wieder. Zeit für einen neuen 360-Grad-Blick auf die Lage im Land und über die Landesgrenzen hinweg: Was geht ab, Europa?
Erste ernüchternde Bilanz: Ja, es ist immer noch Krieg. Putin bekämpft weiter die Ukraine, Trump bombt unverdrossen gegen Iran. Und Europa? Ist unzufrieden mit der Gesamtsituation. Denn auch wenn die Blockade der Straße von Hormus die Spritpreise und Inflationsquoten steigen lässt, ist die Europäische Union bei der Suche nach interkontinentalen Lösungen bestenfalls Zaungast.
Es ist der Moment des Abends als Armin Laschet wach wird und den AfD-Politiker Rüdiger Lucassen direkt angeht. „Solange Sie sich nicht klar zum europäischen Einigungsprozess der Nachkriegsjahre bekennen, sind Sie eine Gefahr“, bescheidet er Lucassen mit fuchtelndem Zeigefinger. Und das mit einer Vehemenz, die ihresgleichen sucht: Nie war der Schmunzelhase Laschet ferner.
Zuvor sprach Maybrit Illner in ihrem Donnerstagstalk von einer „dramatischen Lage“, was vielleicht eine Oktave zu hoch gegriffen ist. Laschet, Vorsitzender des Auswärtigen Ausschusses im Bundestag, pflichtet ihr trotzdem bei: Die Lage ist heute, also nach halbherzigen Friedensversuch von Versailles, „schlimmer als vorher“.
Einig ist sich die Talkrunde immerhin darin, dass ein starkes Europa dringender sei, denn je. Auch der AfD-Politiker Lucassen sieht das so: Deutschland habe nicht nur die Potenz, sondern auch die Verantwortung, in Europa voranzugehen. Doch gleichzeitig mahnt er an: „Wir dürfen uns nicht verzetteln.“
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Ein Satz, den er vielleicht auch einmal in Richtung der eigenen Parteispitze äußern sollte. Doch womöglich hat die momentane Zwiegespaltenheit der AfD-Führung – Alice Weidel mit Tendenzen gen Maga-Bewegung, Tino Chrupalla auf Kuschelkurs mit Putin – auch schlicht System: So bietet sich die Partei an als Projektionsfläche für deutsche Trumpisten und Kremlfreunde gleichermaßen.
Als ganz normale „Meinungsvielfalt“ bezeichnet Rüdiger Lucassen das West-Ost-Gezerre seiner Partei. Und verspricht: „Das Ganze wird sich aus meiner Sicht auf dem Weg zur Regierungsbeteiligung und zur Übernahme von Regierungsverantwortung lösen müssen.“ Aus seiner Sicht heißt das: Den Krieg in der Ukraine zu beenden, müsse das Ziel aller sein. Doch langfristig ginge es darum, „zu einer friedlichen Koexistenz mit der russischen Föderation zu kommen“.
Dass zwischen den Links- und Rechtsaußenparteien des politischen Spektrums tatsächlich Schnittmengen existieren, zeigt sich spätestens hier: „Bei sehr vielen Fragen, die Nato angehen und Militäreinsätze der Bundeswehr im Ausland angehen, unterscheiden sich die Linke und die AfD nur marginal“, urteilt Laschet. Was dem Linken-Politiker Gregor Gysi gar nicht passt: „Ich bin vieles, aber ich bin ihm überhaupt nicht ähnlich“, mault er in Richtung Lucassen.
Womit er vermutlich recht hat, denn als ehemaliger Oberst hat AfD-Mann Lucassen sich bislang immer konsequent für eine Aufrüstung der Bundeswehr ausgesprochen bis hin zu nuklearen Waffen. Gysi hingegen verweigert sich ähnlich konsequent der Vorstellung, dass Deutschland die stärkste Armee Europas haben müsse: „Diese gigantische Rüstung halte ich für überzogen.“ Denn: „Was passiert, wenn die AfD plötzlich mitregiert, und wir haben die stärkste Armee? Das dürfen wir nicht vergessen!“
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Europa in Sorge vor einem militärisch starken, rechtsregierten Deutschland? Ja, glaubt Politikwissenschaftlerin Liana Fix: Vor der AfD hätte jedes EU-Land mehr Sorge als etwa vor den französischen Rechtspopulisten, glaubt sie: „Weil sich die AfD radikalisiert und nicht in den Mainstream übergeht wie andere populistische Parteien“.
Die Antwort darauf, so Fix, könne nicht sein, dass Deutschland nicht aufrüste. Die Antwort müsse vielmehr sein, wie Deutschland aufrüste: „Wie betten wir diese Ausgaben europäisch ein?“ Ein militärisch starkes Deutschland sei nur akzeptabel, wenn es tief integriert sei in Europa – und das sei genau das Gegenteil von dem, was die AfD wolle.
Maybrit Illner selbst kommt in ihrer Sendung so konsequent nicht zu Wort, dass sie nur mit Mühe ihre Sendung beenden und sich in die mehrwöchige Sommerpause verabschieden kann. Was zurückbleibt, ist die Hoffnung auf neue Themen nach den großen Ferien.
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