Larissa Eifler hat bei der Fecht-WM in Hongkong aus deutscher Sicht für die bislang dickste Überraschung gesorgt. Nach ihrem Titelgewinn wirkt die 27-Jährige extrem gelöst. Nun hoffen sie in Dormagen, dass sich das positiv auf das Säbelteam der Frauen auswirkt.
Der größte Moment in der bisherigen Karriere der Dormagenerin Larissa Eifler. Nach dem Sieg im WM-Finale gegen die Französin Sara Balzer reißt sie vor Freude ihre Arme nach oben.
Foto: Luca Pagliaricci/Bizzi Team/Deut/Luca Pagliaricci/Bizzi TeamDormagen · Larissa Eifler hat bei der Fecht-WM in Hongkong aus deutscher Sicht für die bislang dickste Überraschung gesorgt. Nach ihrem Titelgewinn wirkt die 27-Jährige extrem gelöst. Nun hoffen sie in Dormagen, dass sich das positiv auf das Säbelteam der Frauen auswirkt.
Vilmos Szabo hat im Säbelfechten schon so ziemlich alles erlebt, was es in dieser Sportart zu erleben gibt. Als Aktiver und als Coach. Doch was sich am Sonntag bei den Weltmeisterschaften in Hongkong ereignete, packt auch den Bundestrainer vom Bundesstützpunkt am Dormagener Höhenberg emotional mächtig an. Nachdem der gebürtige Rumäne schon Nico Limbach vom TSV Bayer Dormagen 2009 zum Weltmeistertitel geführt hatte, gelang ihm das nun auch mit Larissa Eifler. Allerdings kam dieser Triumph aus dem Nichts, zuvor hatte die 27 Jahre alte TSV-Fechterin noch bei keiner großen internationalen Meisterschaft auf dem Podium gestanden. Entsprechend ungläubig reagierte Szabo hinterher in einem Interview: „Ich habe Angst, dass ich aufwache und wir nichts gewonnen haben.“
Dieser Zustand dürfte allerdings nicht allzu lange angehalten haben, denn das gesteigerte Medieninteresse und die entsprechende Berichterstattung dürfte den 61-Jährigen in den Tagen danach immer wieder daran erinnert haben, dass er keinesfalls nur einen süßen Traum träumt. Das gilt erst recht für die Weltmeisterin selbst, die eine begehrte Ansprechpartnerin war und in den Interviews extrem glücklich und gelöst wirkte. Kein Wunder, schließlich galt sie seit ihrem Wechsel mit 16 Jahren ins Dormagener Sportinternat als Talent mit riesigem Potenzial, doch die ganz großen Erfolge auf internationalem Parkett blieben zumindest bei den Erwachsenen eben bis Sonntag aus. Bei der EM vor einem Monat flog Larissa Eifler in der ersten K.o.-Runde raus, nun das krasse Gegenteil. „Das Gefühl war überwältigend. Als nach dem Sieg alle auf mich zugestürmt sind und mich gefeiert haben, hatte ich es selbst noch gar nicht realisiert. Heute bin ich einfach unfassbar glücklich und stolz“, sagte Eifler der ARD.
Besonders bitter war für die 27-Jährige das Jahr 2024, als sie beim europäischen Zonenentscheid knapp an der Qualifikation für die Olympischen Spiele in Paris scheiterte, anschließend in emotionales Loch fiel und ein halbes Jahr pausierte. „Mein Weg der letzten Jahre zeigt mir, dass das die richtige Entscheidung war. So eine Sportkarriere ist eben kein geradliniger Weg, sondern individuell. Ich konnte durch die Pause wieder Motivation und den Spaß am Fechten finden und habe damit mehr gewonnen als verloren“, so Eifler weiter. Sie studiert neben ihrem Job als Sportsoldatin nicht nur Psychologie, sondern arbeitet inzwischen auch mit einem Sportpsychologen zusammen.
Ziemlich wahrscheinlich, dass diese Zusammenarbeit auch ein wichtiges Mosaiksteinchen auf dem Weg zur Sensation war. Die TSV-Athletin beschrieb es am Montag so: „Es geht darum, dass ich entspannter bin und Spaß haben kann beim Sport ohne diesen Druck. Dieser Druck, dass ich es unbedingt allen zeigen wollte, hat mich immer sehr gehemmt. Gestern konnte ich mich davon zum Glück befreien.“ Ganz wichtig war für sie aber auch trotz der großen Entfernung die moralische Unterstützung von Familie und Freunden aus der Heimat, außerdem kann sie in China auf den Support ihrer Mannschaftskameradinnen sowie des gesamten Staffs inklusive Trainer und Physiotherapeuten setzen. „Ich habe ein super tolles Team“, meinte Eifler.
Davon mal abgesehen sind auch ehemalige Fechtgrößen aus Dormagen vor Ort und drücken kräftig die Daumen. Zum Beispiel Max Hartung, der zur sogenannten goldenen Generation des TSV Bayer gehört und 2014 in Moskau selbst mal WM-Bronze gewann. In Hongkong ist auch Eiflers ehemalige Mannschaftskameradin Léa Krüger, die inzwischen ihre Karriere beendet hat. Bewusst zurück hält sich der nicht mitgereiste Bundesstützpunktleiter Olaf Kawald, auch wenn er selbstverständlich trotz seines Urlaubs in den Alpen das Geschehen im fernen China mitverfolgt. Die eine oder andere Textnachricht muss reichen. „Ich weiß aus eigener Erfahrung, dass es bei einer WM kaum Zeit zum Luftholen gibt. Da will ich nicht stören“, betont Kawald.
Am Mittwoch geht es in der Waffengattung Säbel schon weiter mit dem Mannschaftswettbewerb der Frauen. Klar, dass das deutsche Team mit der aktuellen Weltmeisterin nun ganz anders wahrgenommen wird. Die deutschen Frauen, zu denen neben Eifler noch ihre Vereinskameradin Felice Herbon sowie Julika Funke und Lena Stemper vom FC Würth Künzelsau gehören, haben in der Vergangenheit immer wieder ordentliche Ergebnisse abgeliefert, doch der große Durchbruch wollte sich nicht einstellen. „Vielleicht kann dieser Titel die Initialzündung sein“, sagt Olaf Kawald, der froh ist, dass der Titel wieder für mehr Sichtbarkeit der guten Arbeit am Bundesstützpunkt in Dormagen sorgt. Zudem hofft er, dass sich Eiflers gelöste Stimmung auf ihre Mannschaftskameradinnen überträgt.
Denn eine gute Platzierung bei den Weltmeisterschaften wäre sehr wichtig mit Blick auf die Qualifikationsphase für Olympia 2028 in Los Angeles, die am 1. April 2027 beginnt. Denn je besser bis dahin die Weltranglistenposition ist, desto später kommen bei den wichtigen Turnieren die starken Gegner. Und in Hongkong können besonders viele Punkte für die Weltrangliste gesammelt werden. Nach einer Pflichtaufgabe in der Runde der letzten 32 gegen Indien wartet am Mittwoch danach gegen die USA der erste richtige Härtetest, anschließend könnte Russland warten. Doch für Olaf Kawald ist die Qualität der Gegner kein Grund, sich Bange machen zu lassen. Gerade vor dem Hintergrund von Eiflers Überraschungscoup. „Die Weltspitze ist so eng zusammen. Da ist es wichtig, mit breiter Brust rauszugehen und sich zu sagen, dass man jeden Gegner schlagen kann.“