Große Teile Europas stönen unter der bereits zweiten Hitzewelle des Jahres. Obwohl erst Juni ist, werden auch in Deutschland Temperaturen um die vierzig Grad erwartet. Ausgerechnet am Siebenschläfer-Wochenende! Und nun?
AUDIO: Siebenschläfer-Tag: Sieben Wochen extreme Hitze durch Klimawandel? (3 Min)
Hitzewelle trifft Bauernregel
Vierzig Grad am Siebenschläfertag, sieben Wochen bleiben mag: Jetzt echt?Stand: 26.06.2026 08:56 Uhr
Deutschland stöhnt, Mitteldeutschland stöhnt, Westeuropa stöhnt schon lange – die augenblickliche Hitzewelle ist die bereits zweite des Jahres und hat es in sich, besonders wenn man bedenkt, dass es erst Ende Juni ist. An die vierzig Grad – ausgerechnet jetzt. Denn am Sonnabend ist Siebenschläfertag und der bestimmt ja nun bekanntlich das Wetter der nächsten sieben Wochen. Das wäre, gelinde gesagt, eine Katastrophe. Aber ganz so einfach ist es dann zum Glück doch nicht, mit den Bauernregeln.
von Florian Zinner, Robert Rönsch (Datenanalyse)
Sagen wir es mal so: Die große Dichtkunst waren Bauernregeln noch nie, da macht auch das Versmaß rund um den Siebenschläfertag keine Ausnahme.
"Das Wetter am Siebenschläfertag sieben Wochen bleiben mag."
Oder auch:
"Wenn die Siebenschläfer Regen kochen, dann regnet’s ganze sieben Wochen."
Wohlgemerkt die Siebenschläfer. Denn der Gedenktag richtet sich nicht etwa an das possierliche Nagetier, sondern an die Legende der sieben Schläfer von Ephesos, sieben Männer, die aufgrund von Glaubensverfolgung hunderte Jahre in einer Höhle geschlafen haben.
Siebenschläfer: Es geht nicht um das Tier. Und auch nicht um den 27. Juni.Und weil diese Erinnerung schon ziemlich alt ist und wir indes den gregorianischen Kalender eingeführt haben, ist blöderweise auch die alte Bauernregel dahin. Der Siebenschläfertag müsste aus meteorologischer Sicht inzwischen am 7. bis 10. Juli begangen werden – je nachdem, wie genau man es mit dem Sonnenstand oder nachträglich eingefügten Schaltjahren so nimmt, man kennt's ja von den Eisheiligen. Aber genau scheint hier sowieso das falsche Wort zu sein. Wirklich relevant ist nicht ein einzelner Tag, sondern eher die Großwetterlage Ende Juni, Anfang Juli.
"Das ist natürlich keine Vorhersage, weil die Vorhersage nur sieben bis zehn Tage verlässlich ist, aber es kann eben einen statistischen Zusammenhang durchaus geben", sagt Sebastian Sippel, Klimaforscher an der Universität Leipzig. Ein kleiner statistischer Zusammenhang – diese häufige Lesart des Siebenschläfertags wird auch in einer KI-gestützten Datenauswertung des Mitteldeutschen Rundfunks sichtbar. Gut verteilt über ausgewählte Wetterstationen in ganz Deutschland zeigt sich hier, dass die Siebenschläferregel in 57 von hundert Sommern zutrifft, was knapp über der Willkür einer geworfenen Münze liegt.
Spannend dabei: Unsere Daten deuten darauf hin, dass die Siebenschläferregel in der Tendenz im Norden eher zutrifft als im Süden der Republik, während andere Quellen davon sprechen, dass die Zuverlässigkeit von Süd nach Nord abnimmt. Anders als bei der Schafskälte lässt sich zudem nicht bestätigen, dass die Treffsicherheit früher häufiger war. Während die Regel an ausgewählten Stationen im 19. Jahrhundert eine Trefferwahrscheinlichkeit von bis zu siebzig Prozent hatte, wäre man zwischen 1910 und 1930 besser bedient gewesen, das Wetter auszuwürfeln. Ab dann wurde die Zeit um den Siebenschläfer für Wettertrends wieder etwas brauchbarer.
Eisheilige (11. bis 15. Mai) und Schafskälte (zwischen vom 4. und 20. Juni) bezeichnen Kälterückfälle im Frühling und Frühsommer, wobei sich die Eisheiligen statistisch nicht nachweisen lassen, die Termine auf einem veralteten Kalendersystem basieren und nach hinten verschoben sein müssten. Der Siebenschläfertag (eigentlich am 27. Juni) gilt als Prognose für die Großwetterlage der kommenden Wochen. Seine Bedeutung hat sich durch den Wechsel zum gregorianischen Kalender aber ebenfalls in die erste Juliwoche verschoben.
Die Datenauswertung legt außerdem nahe, dass die Bauernregel bei einer Regen-Tendenz kaum funktioniert und sich eher auf die nächsten zwei statt sieben Wochen beschränkt. Bei sonnigem Hochdruckwetter ist die Trefferquote hingegen am besten.
Die Hitzewelle hat sogar die sonst etwas kühleren britischen Inseln erreicht. Bitte kein Beispiel nehmen: Aufgrund der hohen UV-Strahlung sollte man aufs Sonnenbaden derzeit lieber verzichten.
"Empirisch ist es bestätigt, das sehen wir auch in unserer Forschung, dass diese Zunahme von Hitzeextremen in den letzten Jahrzehnten in Europa durch häufigere Hochdrucklagen mit beeinflusst wird", erklärt Sebastian Sippel. Sein Forschungsschwerpunkt liegt im Bereich der Klimaattribution – also, vereinfacht gesagt, geht er der Frage nach, wie viel Klimawandel im Wetter steckt. Mehr Hochdruck würde auch für die Siebenschläferregel möglicherweise etwas mehr Treffsicherheit bedeuten. Aber: "Dieser Trend hin zu mehr Hochdrucklagen, bedeutet es jetzt, dass das der Klimawandel war? Dieser Zusammenhang ist tatsächlich nicht so einfach zu belegen."
Es ist auf jeden Fall davon auszugehen, dass der Klimawandel in dieser Größenordnung die Hitzewellen wärmer gemacht hat Prof. Dr. Sebastian Sippel, Klimaforscher an der Uni Leipzig
Auch wenn es wissenschaftliche Tendenzen gibt, die in diese Richtung gehen, hat die Attributionsforschung hier noch keine eindeutigen Antworten gefunden. Pauschal lässt sich also nicht sagen, dass der Klimawandel die Siebenschläferregel treffsicherer macht, weil er zu mehr und länger anhaltenden Hochdrucklagen führt. Was eine aktuelle Analyse von Forschenden des Climameter-Konsortiums hingegen deutlich macht: Die Zahl der klimawandelbedingten Hitzewellen an sich könnten wir bisher unterschätzt haben.
Und: "Es ist auf jeden Fall davon auszugehen, dass der Klimawandel in dieser Größenordnung die Hitzewellen wärmer gemacht hat", so Sippel. Siebenschläfer hin oder her – nun ist es an der Gesellschaft, sich daran anzupassen und insbesondere anfällige Menschengruppen zu schützen. Vielleicht es auch so zu machen wie die sieben Schläfer von Ephesos – oder das ohnehin nachtaktive Nagetier: Und sich eben einfach in eine kühle Höhle verkriechen.
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