Immer öfter kommt es zu Waldbränden, nicht nur in Südeuropa, sondern auch in Deutschland. Aber was passiert nach einem Waldbrand in der Natur? Denn: Ein verbrannter Wald wirkt nur auf den ersten Blick tot.
AUDIO: Aus der Asche – braucht der neue Wald den Menschen? (3 Min)
Nach dem Waldbrand
So erholt sich die Natur nach dem FeuerStand: 23.07.2026 16:22 Uhr
Schwere Waldbrände in Südfrankreich, Flammenwände vor Madrid, Großbrand in der grünen Lunge von Paris, Feuer im Nationalpark Müritz und im Harz – auch 2026 brennen die Wälder in Europa. Der Klimawandel verschärft das Problem, wie die Daten der vergangenen Jahre zeigen, etwa die heißen und trockenen Sommer 2018 und 2019 in Deutschland. Aber was passiert eigentlich nach einem Waldbrand in der Natur? Ein verbrannter Wald wirkt nur auf den ersten Blick tot. Manche Pilze oder Insekten haben es sogar auf verbranntes Holz abgesehen, um sich fortpflanzen zu können. Darum geht es auch in der ARD-Wissen-Doku "Nach der Asche – Was kommt nach dem Waldbrand".
2025 war ein verheerendes Waldbrandjahr in Europa: Mehr als eine Million Hektar Wald sind verbrannt, ein neuer Höchststand. Das geht aus einem Bericht über den Zustand des Klimas in Europa 2025 von der Weltwetterorganisation WMO und dem EU-Klimawandeldienst Copernicus hervor.
2026 scheint sich die Situation zu wiederholen: In Europa sind bis Mitte Juli fast 170.000 Hektar Wald verbrannt. Elisabeth Dietze vom Institut für Geographie an der Georg-August-Universität Göttingen sagt, in den kommenden beiden Wochen zeige die Wetterlage keine Entspannung. "Weitere Hitzewellen sind im Verlauf des Sommers zu erwarten und damit eine steigende Brandgefahr."
Überall, aber vor allem im südeuropäischen Mittelmeerraum, ist die Waldbrandgefahr wegen des Klimawandels gestiegen.
Deutschland hat 2025 dem European Forest Fire Information System (EFFIS) zufolge das schlimmste Waldbrandjahr der vergangenen 50 Jahre erlebt. Der ARD-Wissen-Film "Aus der Asche – Was kommt nach dem Waldbrand" von Uwe Müller beschäftigt sich nun mit der Frage, welchen ökologischen Nutzen Feuer haben kann.
Verheerende Umweltkatastrophen häufen sichDer Film beginnt mit einem Blick in die Vereinigten Staaten. Im vergangenen Jahr führten flächendeckende Waldbrände im Großraum von Los Angeles zu einer der verheerendsten und teuersten Umweltkatastrophen der USA. Mindestens 29 Menschen kamen ums Leben, Tausende Gebäude wurden zerstört – und riesige Flächen Wald. Schadenssumme 53 Milliarden Dollar, errechnete die Versicherung Munich Re.
Ein Waldbrand zerstört in Stunden oder Tagen eine Fläche, die Jahrzehnte oder Jahrhunderte zum Wachsen brauchte. Wissenschaftler sehen darin aber nicht nur bloße Zerstörung, sondern – zumindest in Teilen – auch einen positiven Nutzen.
Ökologischer Nutzen am Beispiel des RiesenmammutbaumsSo etwa der US-Waldökologe Chad Hanson: "Ich entdeckte Dinge, von denen ich nicht gedacht hätte, dass es sie hier gibt: All diese Wildtier- und Pflanzenarten, die es nur in den Gebieten mit hochintensiven Bränden gibt und nirgendwo sonst", sagt er. Hochintensiv bedeutet: ein Brand von extremer Hitze, der auch die Baumkronen erreicht.
Hanson untersucht unter anderem die Riesenmammutbäume (lat.: Sequoiadendron giganteum) im Westen der USA. Die Bäume, die bis zu 80 Meter hoch und 3.000 Jahre alt werden können, wachsen in einem ambivalenten Verhältnis zum Feuer.
Riesenmammutbäume benötigen drei Dinge, um sich erfolgreich fortpflanzen zu können, erklärt der Ökologe. "Erstens Feuer, das heiß genug ist, damit die Zapfen ihre Samen freisetzen. Zweitens brauchen sie Feuer, das intensiv genug brennt, um die dicke Humusschicht und das Laub auf dem Waldboden, verrottende Kiefernnadeln und Blätter, zu verbrennen, damit die Sämlinge ihre Wurzeln in den Boden treiben können. Und drittens brauchen sie Flammen, die hoch genug lodern, um das Kronendach auszulichten, damit die Sämlinge viel Sonnenlicht bekommen."
Die bis zu 60 Zentimeter dicke Rinde der Riesenmammutbäume schützt den Baum vor der Hitze der Flammen. Das unterscheidet die Mammutbäume der USA von Bäumen, die in Deutschland wachsen: Eichen oder Linden sind nur zu einem geringeren Grad feuerresistent. Harzhaltige Nadelbäume gar nicht – sie kochen regelrecht, erklärt Werner Gerwin vom Zentrum für Landschaftstransformation an der Technischen Universität Cottbus.
In Deutschland haben das Forscher unter anderem mit einem Langzeitprojekt in Brandenburg untersucht: 2018 fielen in Treuenbrietzen 400 Hektar Kiefernforst einer Feuerwalze zum Opfer. Sie bedrohte drei Dörfer, die Rauchschwaden zogen bis ins 50 km entfernte Berlin. Forschungsinstitutionen suchten dort über einen Zeitraum von fünf Jahren nach Lösungsansätzen für eine feuerfestere Waldzukunft zu suchen. Das Brandgebiet wurde in verschiedene Forschungsareale aufgeteilt: Einige Flächen wurden sich selbst überlassen, andere komplett beräumt.
"Wenn ein Waldbrandgebiet völlig ausgeräumt wird, geht soviel Bodenfruchtbarkeit verloren, dass die Gefahr besteht, dass die Funktionalität der Böden ganz auf der Strecke bleibt", erklärt Werner Gerwin. Es sei wichtig, dass Totholz nach einem Brand nicht geräumt wird, sondern liegen bleibt.
Das sei eine Voraussetzung für die Regeneration von Brandflächen. Totholz biete unter anderem Schutz vor Sonne und Hitze und schaffe so die Voraussetzung, dass neues Leben entstehen könne.
Denn verbrannte Wälder sind nur auf den ersten Blick tot. Im Verborgenen passiert unter verkohlter Rinde und verbrannten Böden ziemlich viel: Das Ökosystem Wald kämpft um sein Fortbestehen. Manche Insektenarten brauchen Feuer sogar zum Überleben.
Der Schwarze Kiefernprachtkäfer beispielsweise ist ein Spezialist für derart extreme Lebensräume. Er sucht verbrannte Flächen, um sich vermehren zu können. Über eine Entfernung von bis zu 80 Kilometern kann er die Wärmestrahlung eines Brandes aufspüren.
Der Schwarze Kiefernprachtkäfer (Melanophila acuminata) braucht frisch verbranntes Holz zur Fortpflanzung.
Diese sterilen Flächen bieten dem Käfer die nötige Voraussetzung für seine Fortpflanzung. Er legt seine Eier im frisch verkohlten, noch warmen Holz ab. Unter der Rinde können sich seine Larven in steriler Atmosphäre und geschützt vor Fressfeinden entwickeln und durch das Holz fressen. Auch dem Lärchen-Scheckenrüssler bietet ein vom Brand verwüsteter Wald offenbar einen attraktiven Lebensraum, erklärt der Forstwirt und Käfer-Experte Jörg Lorenz.
Und diese Vorarbeit, die die Käfer leisten, bietet wiederum die Grundlage für die Ansiedlung weiteren Lebens. Sie helfen dabei, das Holz zu zersetzen. "Die Zersetzung wird durch die Käfer beschleunigt, indem sie im Holz bohren und Bohrmehl verursachen", sagt Lorenz. Das wiederum schaffe die Grundlage für das Wachstum von Pilzen: "Pilze haben dann eine größere Oberfläche und versuchen, die Holzstruktur zu zersetzen. Und wenn diese Struktur dann aufgebrochen ist durch die Pilze, geht die weitere Zersetzung am Boden voran mit kleineren Insekten und mit den Mikroorganismen und Bakterien."
Vor allem ein Pilz kann unter Waldbrand-Bedingungen prächtig wachsen: der Pyronema. Dieser Brandstellen-Becherling recycelt verbranntes Holz und erschließt es für andere Organismen. Das haben Dresdner Forscher, darunter der Biologe Alexander Karich, entdeckt.
Der Pilz ernährt sich ihren Erkenntnissen zufolge vermutlich von austretenden zuckerhaltigen Pflanzensäften, die durch die Hitzeeinwirkung aus den feuergeschädigten Bäumen austreten. Der Brandstellen-Becherling ist pyrophil – er profitiert vom Feuer. Seine biochemischen Aktivitäten bilden in der Folge die Grundlage für eine erfolgreiche aus sich selbst kommende Renaturierung, also die natürliche Selbstheilung der Brandflächen.
"Jeder Pilz ist ein eigener Organismus und jeder eigene Organismus hat immer eine eigene ökologische Nische", erklärt Karich. Es gebe Pilze, "die sehr schnell den Brand besiedeln, welche die Restnährstoffe aufessen, letztendlich verstoffwechseln". Wiederum anderen stehen Karich zufolge mit Moosen oder Pflanzen in Verbindung. "Und das führt dazu, dass sich sukzessive wieder ein Ökosystem entwickelt."
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