Absagen, Zusagen – und eine bemerkenswerte Rückkehr: Die Suche nach einem neuen Trainer für die Squadra Azzurra verläuft chaotisch und endet sehr italienisch. Protokoll eines aufreibenden Monats.
Absagen, Zusagen – und eine bemerkenswerte Rückkehr: Die Suche nach einem neuen Trainer für die Squadra Azzurra verläuft chaotisch und endet sehr italienisch. Protokoll eines aufreibenden Monats.

Noushad Variyattiyakkal / Imago
Nach der verpassten WM-Endrunden-Teilnahme, der dritten in Folge, waren sich für einmal alle einig in Italien: So kann es nicht weitergehen, das System ist krank, mit einem neuen Trainer und ein paar Retuschen ist es diesmal nicht getan, alle müssen in die Pflicht genommen werden. Kurzum: Es braucht einen kompletten Neuanfang. Ein Reset. Eine Rundumerneuerung.
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Und zunächst sah es auch ganz danach aus. Am 22. Juni 2026 erhielt Italiens Fussballverband einen neuen Präsidenten, Giovanni Malagò. Der 67-jährige Römer ist ein erfahrener, bestens vernetzter Sportfunktionär und Unternehmer, nah am Geschehen und doch nicht allzu stark verbandelt mit der Welt des Fussballs. Er leitete lange das nationale olympische Komitee und war Präsident des Organisationskomitees der Olympischen Spiele Mailand-Cortina 2026.
Malagò schien jedenfalls der Richtige zu sein, um Italiens Calcio aus der Misere zu führen. Und er schritt auch gleich zur Tat. Für den Neuanfang setzte er auf Paolo Maldini (58), AC-Milan-Urgestein, Sprössling einer Fussballer-Dynastie – und zu seinen grossen Zeiten wohl einer der besten Verteidiger der Welt. Maldini erhielt von Malagò das Amt des Technischen Direktors der Nationalmannschaft – und freie Hand.
Maldini stürzte sich sogleich ins Getümmel und begab sich auf die Suche nach dem Besten, jenem Coach, der vermeintlich alles kann: junge Talente finden, eine neue Spielkultur etablieren, die Zusammenarbeit mit den Klubs verbessern, kurzfristig Resultate liefern, Freude entfachen.
Frankreich hat Zidane, Deutschland hat Klopp, warum sollte nicht auch Italien den Superman finden?
Der Traum von PepNach wenigen Tagen im Amt warf Maldini bereits grosse Namen in die Waagschale: Carlo Ancelotti und Pep Guardiola, zwei der erfolgreichsten Vereinstrainer Europas. Um Guardiola zu überzeugen, reiste der Technische Direktor nach Spanien, redete sich den Mund fusselig, versuchte, den Meistertrainer nach Italien zu bringen. Vergeblich. Guardiola sagte ab.
Er wäre die Idealbesetzung gewesen: ein Ausländer mit der nötigen Distanz, aber einer, der Italien liebt. Immer wieder einmal ist der Spanier in Brescia anzutreffen, wo er zeitweise gespielt hat, er hat Freunde dort, spricht Italienisch, hört Musik von Francesco De Gregori. Man sagt, er habe seine Spieler in der Kabine mitunter mit dessen Lied «La storia siamo noi» motiviert – «Die Geschichte, das sind wir».
Doch es war nichts zu machen, und auch die Spur zu Ancelotti verlor sich bald. Maldini aber liess nicht locker und erinnerte sich bald an eine andere Fussball-Ikone: Andrea Pirlo, Mittelfeldspieler der Extraklasse, Weltmeister 2006 mit der Squadra Azzurra, ein eleganter Spieler mit Übersicht und der Gabe des entscheidenden Passes.
Bei der AC Milan bildeten Maldini und Pirlo in den nuller Jahren ein Traumduo, Maldini als «Capitano», Pirlo als «Maestro». Es hätte, so Maldinis Vorstellung, auch bei der Nationalmannschaft klappen können. Dass Pirlo als Trainer an seinen bisherigen Stationen keineswegs «bella figura» gemacht hatte, blendete er aus.
Pirlos Russland-ConnectionAm Ende war es aber die Politik, die einen Strich durch Maldinis Rechnung machte. Pirlo hatte im Herbst 2025 einen Vertrag als Markenbotschafter für Fonbet, einen russischen Anbieter von Sportwetten, unterzeichnet und bezog dafür viel Geld aus Moskau. Noch Ende Mai weilte Pirlo in der russischen Hauptstadt, um an einem von Fonbet organisierten Anlass teilzunehmen – ausgerechnet zu jenem Zeitpunkt, als Russland besonders schwere Bombardements auf Kiew niedergehen liess.
In einem Land wie Italien, wo der Commissario tecnico mehr ist als nur ein Fussballtrainer, kam das nicht gut an. Ein potenzieller Russland-Freund auf der Trainerbank? Alle Beschwichtigungen nützten nichts mehr. Für Italien, das sich angesichts von russophilen Politikern wie Matteo Salvini oder Giuseppe Conte schwertut, in der Ukraine-Politik die Linie zu halten, wäre Pirlo eine schwere Belastung geworden.
Nur gut zwei Wochen nach Maldinis Inthronisierung durch Malagò war der Schaden angerichtet. Aus dem Reset wurde – nichts. «Der italienische Fussball, der eigentlich wieder auf die Beine kommen sollte, stürzt weiter ab und versinkt im Grotesken», kommentierte der Chefredaktor der «Gazzetta dello Sport».
GattopardeskEs war nun (wieder) die Stunde Malagòs. Am Montag liess er ausrichten, dass Pirlo für den Job nicht infrage komme. Und dass er, Malagò, nunmehr das Heft selber wieder in die Hand zu nehmen gedenke. Dass auch Maldini unter diesen Umständen nicht mehr zu halten war, war klar. Noch am Montagabend trat der frühere AC-Milan-Star von seinem Amt als Technischer Direktor zurück.
Schlag auf Schlag ging es weiter. Schon am frühen Dienstagnachmittag präsentierte Malagò eine Lösung, von der Beobachter sagen, der Präsident habe sie eigentlich von Anfang an favorisiert. Neuer Nationaltrainer wird mit Roberto Mancini (61) jener Mann, der Italien 2021 zum letzten grossen Erfolg führte, dem Gewinn des Fussball-Europameistertitels.
Ihm zur Seite steht als Technischer Direktor mit Claudio Ranieri (74) künftig ein erfahrener Fussballexperte, der auf eine jahrzehntelange Karriere als Trainer im In- und Ausland zurückblicken kann. Seine letzte Station war die AS Roma.
Italien reibt sich die Augen. Eben träumte man noch von den ganz grossen Namen, nun ist das Land wieder dort, wo es schon einmal war. Mancini war bereits Nationaltrainer, und Ranieri verkörpert auch nicht eben den Aufbruch.
«Gattopardesco» sagen sie hier zu solchen Vorgängen: Es muss sich alles ändern, damit sich nichts ändert. Seit der Schriftsteller Tomasi di Lampedusa in seinem Monumentalwerk «Il Gattopardo» («Der Leopard») diese Formulierung in die Welt gesetzt hat, steht sie für den typisch italienischen Immobilismus. Die Erneuerung wird auf später verschoben.
Rom gewinntDie Kommentatoren werten die nun gefundene Lösung als einen Sieg der Römer Sportszene. Der «Circolo Aniene» habe über «Milanello» gesiegt, schreiben die Zeitungen.
Aniene steht für einen prestigeträchtigen Ruderklub in der Hauptstadt, wo sich das gute Rom trifft: Politiker, Sportler, Funktionäre, Meinungsmacher. Giovanni Malagò hat den Klub jahrelang präsidiert.
Milanello wiederum ist das legendäre Trainingsgelände der AC Milan ausserhalb der lombardischen Metropole – der Ort, wo Paolo Maldini viele Stunden und Tage mit Andrea Pirlo verbracht hat.
Mancini, der neue Trainer, sei letztlich im Circolo Aniene gekürt worden, behaupten jetzt die Medien – und geizen nicht mit hübschen Details und Bildern. Einige davon zeigen Malagò und Mancini, wie sie vor Wochenfrist gemeinsam den Gewinn der «Coppa Canottieri» feiern. Dabei handelt es sich um ein Over-60-Fussballturnier der Ruderklubs der Ewigen Stadt. Aniene habe deutlich gewonnen, heisst es, 8:3. Während Malagò nur den Pfosten getroffen habe, habe Mancini nicht weniger als fünf Tore für Aniene erzielt.
Dass Malagò sich von der Torgefährlichkeit des neuen Trainers hat beeindrucken lassen, ist nicht anzunehmen. Doch es ist eine unbestrittene Tatsache, dass in Rom die Entscheidungswege mitunter sehr kurz sind. Der Circolo Aniene steht sinnbildlich dafür.
Das breite Publikum wird Mancini derweil noch überzeugen müssen. Bei ihm sind die Italiener hin- und hergerissen. Dass er sich im Sommer 2023 Knall auf Fall aus dem Staub gemacht und die Azzurri im Stich gelassen hat, um in Saudiarabien als Trainer viel Geld zu verdienen, haben sie ihm noch nicht verziehen. Zwar hat er sich inzwischen für dieses Verhalten entschuldigt, doch die Fans tragen es ihm bis heute nach.
Andererseits halten sie die Erinnerungen an den EM-Final vom 11. Juli 2021 im Wembley-Stadion hoch. Die jubelnde Nationalmannschaft, dazu Mancini, der Trainer, wie er Gianluca Vialli herzt, seinen schwer krebskranken Freund und damaligen Delegationschef der Squadra Azzurra – die Bilder haben sich tief im Bewusstsein der Fussballfans verankert. Sie zeigen den anderen Mancini: einen euphorischen und empathischen Mann.
Roberto Mancini, schrieb die «Repubblica», müsse das Land nun davon überzeugen, «dass die Rückkehr nicht nur eine zweite Chance ist, sondern die Vollendung einer unterbrochenen Geschichte».
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