Die Firma vereint rund 30 Prozent des Kapitals auf sich, das die Branche aufgebracht hat. Im Vergleich zu den USA liegt Europa weit zurück. Deutschland setzt sich trotzdem ehrgeizige Ziele.
New York, Düsseldorf. Das amerikanische Fusionsunternehmen Commonwealth Fusion Systems (CFS) sammelt in einer neuen Finanzierungsrunde eine Milliarde Dollar an frischem Eigenkapital ein. Das gab die US-Firma in der Nacht zum Donnerstag (Ortszeit) bekannt. Seit der Serie-B-Runde von CFS über 1,8 Milliarden Dollar im Jahr 2021 hat kein Fusionsunternehmen eine größere Summe auf einmal eingeworben.
Zusammen mit 863 Millionen Dollar aus dem vergangenen Jahr kommt die 2018 gegründete Firma aus Devens im US-Bundesstaat Massachusetts nun auf vier Milliarden Dollar. Sie bleibt damit das bestfinanzierte Fusionsunternehmen der Welt und hat nach eigenen Angaben rund 30 Prozent des Geldes eingesammelt, das die Branche bislang aufgebracht hat.
Wer sich an der neuen Finanzierungsrunde beteiligt, teilt CFS nicht mit. Die Firma führt lediglich Kategorien auf: Beteiligt hätten sich Pensionsfonds, Staatsfonds, Infrastrukturinvestoren und industrielle Partner.
Investoren sollen Fortschritte besichtigenBekannt sind allerdings die bisherigen Geldgeber. Dazu zählen Google und der Chiphersteller Nvidia, der über seinen Wagniskapitalarm NVentures eingestiegen ist. Hinzu kommen Bill Gates über sein Family Office Gates Frontier und der von ihm gegründete Fonds Breakthrough Energy Ventures, der italienische Ölkonzern Eni sowie die Investmentbank Morgan Stanley über ihren Fonds Counterpoint Global.
„CFS macht das, was einmal unmöglich schien, zur Realität. In den 2030er-Jahren werden wir kommerzielle Fusion ans Netz bringen“, zeigt sich Firmenchef und Mitgründer Bob Mumgaard überzeugt.
Seit Jahrzehnten versuchen Wissenschaftler und Unternehmen weltweit, das Prinzip der Sonne auf die Erde zu holen: Atomkerne zu verschmelzen und dabei enorme Energiemengen freizusetzen. Zwar gab es zuletzt Fortschritte. Strom aus Fusion hat aber noch kein Kraftwerk geliefert. Gelingt die Fusion, liefert sie jedoch eine nahezu unerschöpfliche, saubere Energiequelle – ohne langlebigen hochradioaktiven Abfall und ohne das Risiko einer Kernschmelze.
Den neuen Zulauf bei der aktuellen Finanzierungsrunde erklärt CFS damit, dass Investoren die Fortschritte selbst besichtigen könnten. „Wir empfangen regelmäßig Investoren aus aller Welt in unserer Zentrale in Devens“, sagt Mumgaard. Dort sähen sie „echte und greifbare Fortschritte“. Gelinge die kommerzielle Fusion, sei das „von zivilisatorischer Tragweite“.
Energie Erstes Fusionskraftwerk der Welt? Deutschland bekommt eine Chance
Zu besichtigen gibt es die Versuchsanlage Sparc. Sie soll im kommenden Jahr erstmals ein Plasma erzeugen und nach Unternehmensangaben noch im selben Jahr den Punkt erreichen, an dem die Fusion mehr Energie freisetzt, als zum Aufheizen des Plasmas nötig ist. Strom ins Netz speist Sparc noch nicht ein. Das soll erst das Kraftwerk Arc leisten. Es entsteht in Chesterfield County im US-Bundesstaat Virginia und soll Anfang der 2030er-Jahre als weltweit erstes Fusionskraftwerk Strom ins öffentliche Netz liefern.
Beim Netzbetreiber PJM, dem größten Stromgroßhandelsmarkt der USA, hat CFS bereits einen Netzanschluss beantragt – als erstes Fusionsunternehmen überhaupt. Google und Eni haben Abnahmeverträge unterschrieben und wollen zusammen große Mengen des Stroms aus Arc kaufen. Das Gelände gehört dem Versorger Dominion Energy, der es verpachtet und CFS technisch unterstützt, sich aber nicht finanziell beteiligt.
Nicht nur CFS profitiert vom Interesse der Investoren. Weltweit flossen der Branchenvereinigung Fusion Industry Association (FIA) zufolge in den zwölf Monaten bis Juli 4,5 Milliarden Dollar in die Branche, 69 Prozent mehr als im Vorjahr und so viel wie nie. Seit Beginn der Erhebung 2021 summiert sich das Kapital auf 14,2 Milliarden Dollar.

Bill Gates: Zu den bisherigen Geldgebern gehört auch der Microsoft-Gründer. Foto: AFP
Im Vergleich zu den USA liegt Europa dabei weit zurück. Von den 56 Fusionsunternehmen, die die FIA zuletzt erfasst hat, sitzen 28 in den USA – darunter alle fünf Firmen, die bislang je mehr als eine Milliarde Dollar eingeworben haben. Deutschland kommt auf lediglich vier Unternehmen, ebenso Großbritannien und China.
Deutschland setzt sich trotzdem ehrgeizige Ziele: Erst am Mittwoch gab Bundesforschungsministerin Dorothee Bär (CSU) den Startschuss für drei Fusions-Hubs in Karlsruhe, Biblis und Garching. In der ersten Runde fließen 125 Millionen Euro, bis 2029 sind mehr als zwei Milliarden Euro eingeplant. Zuletzt schlug Bär bereits vor, neun Milliarden Euro bis Ende 2036 aus dem Sondervermögen des Bundes für die Entwicklung aufzuwenden.
Zu den größten Hoffnungsträgern in Europa zählt das Münchner Start-up Proxima Fusion, das Anfang Juli mehr als 400 Millionen Euro eingesammelt hat – so viel wie kein europäisches Fusionsunternehmen zuvor. Dennoch bleibt die Gesamtbewertung von 2,4 Milliarden Euro deutlich hinter der von CFS.
Noch kein Kraftwerk am NetzDen Vorsprung bestätigt auch ein Geldgeber der europäischen Konkurrenz. „CFS ist der Weltmarktführer bei der kommerziellen Fusion“, sagt Matt Trevithick, Mitgründer und geschäftsführender Partner des Wagniskapitalgebers Leitmotif, der unter anderem an Proxima Fusion beteiligt ist. Das gelte für das eingesammelte Kapital ebenso wie für den Fortschritt hin zu einem Plasma mit positiver Energiebilanz.
Diesen Nachweis werde CFS bis Ende 2027 in Sparc erbringen, ist Trevithick überzeugt. „Dieser bedeutende Erfolg wird die Wahrnehmung darüber verändern, wie wahrscheinlich kommerzielle Fusion ist und wann sie kommt, und er wird den weiteren Fortschritt beschleunigen.“
71 Prozent der Unternehmen erwarten der FIA zufolge, dass noch in den 2030er-Jahren erstmals Fusionsstrom kommerziell fließt. Beim internationalen Großprojekt Iter in Frankreich verschob sich der Zeitplan zuletzt deutlich: Der Betrieb mit dem eigentlichen Fusionsbrennstoff soll erst 2039 beginnen – vier Jahre später als geplant.
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In der Branche konkurrieren zwei Ansätze: Einige Unternehmen wollen den Brennstoff mit Hochleistungslasern beschießen, andere wie CFS setzen auf Magnete. Letzteres ist bislang besser erforscht und stärker finanziert. Das Grundprinzip bleibt dasselbe: Wasserstoffkerne werden so stark erhitzt, dass sie verschmelzen und dabei Wärme abgeben. Diese treibt am Ende eine gewöhnliche Dampfturbine an, wie in jedem Kohle- oder Atomkraftwerk.
Das größte Problem ist jedoch die Hitze. Bei mehr als 100 Millionen Grad schmilzt jedes Material, das der Brennstoff berührt. In der Sonne hält die Schwerkraft ihn zusammen. Auf der Erde müssen Magnetfelder das übernehmen und das Plasma in der Schwebe halten.
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USA
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Bill Gates
Dorothee Bär
MicrosoftPhysikalische Fragen offenCFS nutzt dafür das Tokamak-Prinzip, einen ringförmigen Reaktor, wie ihn auch Iter erprobt. Der Bau ist vergleichsweise einfach, die Kontrolle nicht: Das Plasma kann plötzlich ausbrechen, trifft dann die Wand und beschädigt sie. Die Vakuumkammer muss deshalb regelmäßig getauscht werden – bei CFS laut eigenem Ingenieurbericht alle ein bis zwei Jahre.
Ungeklärt ist zudem, welches Material diesen Bedingungen dauerhaft standhält. CFS legt seine Herausforderungen offen: Zahlreiche physikalische Fragen soll laut dem Bericht erst Sparc beantworten – eine Anlage, die noch gar nicht läuft. Mitgründer und Chefwissenschaftler Brandon Sorbom sagt: „Arc könnte aus physikalischer Sicht funktionieren und am Ende trotzdem scheitern, sobald es Energie produziert.“
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